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Sebastian Staske

Krieg in der Ukraine: moderate Folgen für Georgien

Der Krieg in der Ukraine hat auch negative Auswirkungen auf die Georgische Wirtschaft. Diese fallen allerdings moderat aus.

  • Georgien
NL 45 | März-April 2022
Makroökonomische Analysen und Prognosen
Zusammenfassung

Der Einmarsch Russlands in die Ukraine hat weitreichende westliche Sanktionen ausgelöst. Die resultierende Rezession in Russland wird sich auch auf Georgien auswirken. Die Warenexporte werden wahrscheinlich nur mäßig betroffen sein, da Georgien möglicherweise zu einem Ersatzlieferanten für Russland wird. Die Auswirkungen auf den Tourismus sind derzeit noch unklar. Während der Urlaubstourismus zurückgehen könnte, wird der jüngste Zustrom von Russen nach Georgien die Tourismuseinnahmen erhöhen.

Die Hauptrisikofaktoren sind ein Rückgang der Rücküberweisungen und höhere Ölpreise. Letztere werden auch die Inflation anheizen. Die restriktive Geldpolitik muss beibehalten werden und die notwendige Haushaltskonsolidierung wird nur begrenzte zusätzliche Konjunkturimpulse ermöglichen.

Trotz des Kriegs in der Ukraine wird Georgiens Wirtschaft voraussichtlich um 3,5% wachsen. Das wären ca. zwei Prozentpunkte weniger als in vorherigen Schätzungen. Der Effekt ist damit relativ moderat.

Einleitung

Die russische Invasion und der Krieg in der Ukraine werden nicht nur für die beiden beteiligten Länder, sondern auch für den Rest der Region große Auswirkungen haben. Aufgrund der massiven Sanktionen gegen Russland wird erwartet, dass die russische Wirtschaft 2022 um 10% schrumpft und die Inflation auf 20% steigt. Für Georgien sind das Risiko eines starken Rückgangs der russischen Rücküberweisungen und der steigende Ölpreis die wichtigsten Faktoren. Die Warenexporte werden wahrscheinlich weniger betroffen sein und die Gesamtauswirkungen auf den Tourismus sind noch unklar.

Nur begrenzte Auswirkungen auf Warenexporte

Im Jahr 2021 beliefen sich die Exporte nach Russland (ohne Re-Exporte) auf 555 Mio. USD und machten 18% der Gesamtexporte aus. Am wichtigsten sind Agrarerzeugnisse mit ca. 63% der Gesamtexporte.

Die Gesamtauswirkungen auf die Exporte nach Russland werden durch drei Effekte bestimmt: 1) Preis- und Einkommenseffekt, 2) Substitutionseffekt und 3) Reorientierung. Wir schätzen den auf den Preis- und Einkommenseffekt zurückzuführenden Rückgang der Exporte nach Russland, indem wir die beobachtete Reaktion im Jahr 2015 mit der von 2013 vergleichen und davon ausgehen, dass die Exporte in diesem Jahr dieselbe „Benchmark-Reaktion“ zeigen werden. Dieser Rückgang kann jedoch gemildert werden, wenn Georgien zu einem Ersatzlieferanten für Länder werden kann, die bestimmte Waren nicht mehr nach Russland exportieren (Substitutionseffekt). Schließlich kann ein Rückgang der Exporte nach Russland durch eine Umorientierung der Exporte auf andere Bestimmungsländer ausgeglichen werden (Reorientierungseffekt).

Schätzung der Auswirkungen auf die Warenexporte

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Bei den Top-10-Exporten nach Russland könnte der Substitutionseffekt den anfänglichen (negativen) Preis- und Einkommenseffekt deutlich verringern. Insgesamt schätzen wir, dass die Exporte nach Russland um ca. 93 Mio. USD (0,6% des BIP) zurückgehen. Der Gesamtrückgang der Exporte dürfte mit 65 Mio. USD (0,4% des BIP) infolge einer möglichen Reorientierung von Ferrosiliciummangan noch geringer ausfallen.

Unklare Auswirkungen auf den Tourismus

Der Tourismus ist in ähnlicher Weise von den oben beschriebenen Auswirkungen betroffen. Der Rückgang des russischen BIP wird die Bereitschaft, Geld für den Tourismus auszugeben, verringern. Einige russische Touristen könnten jedoch Georgien als alternatives Reiseziel wählen. Ein dritter wichtiger Effekt ist der Zustrom von (hochqualifizierten) Russen, deren Ausgaben die Tourismuseinnahmen (vorübergehend) erhöhen werden. Erste Indikatoren wie der starke Anstieg der Mieten in den Großstädten deuten darauf hin, dass dies ein bedeutender Faktor ist. Auch wenn es für eine umfassende Prognose noch zu früh ist, scheint ein massiver Rückgang der Tourismuseinahmen unter den gegebenen Umständen unwahrscheinlich.

Risiko von stark sinkenden Rücküberweisungen

Rücküberweisungen sind ein wichtiger Faktor für die georgische Wirtschaft und ein Haupttreiber des privaten Konsums. Obwohl der Anteil der Überweisungen aus Russland seit Jahren rückläufig ist, betrug er im Jahr 2021 immer noch rund 2,2% des BIP.

Wir schätzen, dass der erwartete Abschwung der russischen Wirtschaft und die Sanktionen gegenüber Russland die Rücküberweisungen aus Russland nach Georgien dieses Jahr um etwa 50% reduzieren könnten. Dies würde einen Gesamtrückgang der Rücküberweisungen um 210 Mio. USD oder 1,0% des BIP bedeuten.

Geldtransfers aus Russland

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Preisschock bei Energie, aber Versorgung gesichert

Die georgischen Ölimporte sind relativ diversifiziert, wobei der Anteil Russlands bei ca. 25% liegt. Die Gasimporte aus Russland sind sehr gering (6%). Allerdings sind die Ölpreise weltweit stark angestiegen. Selbst wenn man den Preisabschlag für russisches Ural-Öl gegenüber Brent berücksichtigt, könnte dies für Georgien zusätzliche Kosten in Höhe von rund 380 Mio. USD (2,1% des BIP) bedeuten. Dies wird zu einem Anstieg des bereits hohen Leistungsbilanzdefizits (2021: 9,8% des BIP) beitragen.

Makroökonomische Implikationen

Jüngste Schätzungen der internationalen Finanzinstitutionen und der Nationalbank gehen davon aus, dass das Wachstum im Jahr 2022 bei etwa 3,5% liegen wird, wobei eine große Unsicherheit besteht. Dies würde einen Rückgang um etwa zwei Prozentpunkte gegenüber den Vorkriegsschätzungen bedeuten. Dies ist im Vergleich zu anderen Ländern der Region relativ gering.

Der Anstieg der Rohstoffpreise erzeugt Inflationsdruck, da Lebensmittel (33,1%) und Energie (9,0%) im Warenkorb des Verbraucherpreisindex ein hohes Gewicht haben. Im Februar erreichte die Inflation 13,7% gegenüber dem Vorjahr. Die Nationalbank reagierte darauf mit einer Anhebung des Leitzinses auf 11,0%. Dies ist ein wichtiger Schritt, um einen Anstieg der Inflationserwartungen zu verhindern. Der Lari erfuhr zu Beginn des Krieges eine starke Abwertung. Seitdem hat er jedoch aufgewertet und liegt derzeit bei etwa 3,10 GEL/USD, was in etwa dem Niveau vom Jahresanfang entspricht. Die Währungsreserven der Nationalbank (4,0 Mrd. USD) sind noch intakt und lassen einen gewissen Spielraum für Interventionen. Angesichts der hohen Inflation wird der restriktive geldpolitische Kurs beibehalten werden müssen. Die Fiskalpolitik (die in den Jahren 2020 und 2021 starke Impulse gesetzt hat) muss in diesem Jahr konsolidiert werden und kann im Vergleich zu den Vorkriegsprognosen nur eine begrenzte zusätzliche Unterstützung bieten.

Ausblick

Der Krieg in der Ukraine stellt für Georgien kurz nach Corona die zweite Herausforderung dar. Diesmal dürften die Auswirkungen jedoch geringer sein. Eine Kernfrage für die kommenden Monate wird der Zustrom von Migranten aus Russland (sowie Belarus und der Ukraine) sein. Dabei handelt es sich oft um hochqualifizierte Arbeitskräfte (z.B. im IT-Sektor). Sie üben zwar Druck auf den Wohnungs- und Mietmarkt aus, stellen aber auch ein wirtschaftliches Potenzial dar.

Die jüngste Vereinbarung mit dem IWF über ein Stand-By Arrangement (289 Mio. USD) bietet finanzielle Puffer und strategische Leitlinien. Sie dient auch dazu, der internationalen Gemeinschaft zu signalisieren, dass Georgien seine solide makroökonomische Politik fortsetzen wird.

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