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Veronika Movchan

Handelspotenzial bei einer Öffnung der ARM-TUR Grenze

Armenien betreibt keinen direkten Handel mit der Türkei, da die gemeinsame Grenze seit Jahrzehnten geschlossen ist. Es gibt jedoch einen indirekten Handel, vor allem Einfuhren, die über Georgien abgewickelt werden.

  • Armenien
NL 05 | Mai-Juni 2022
Außenhandel und regionale Integration

Zusammenfassung

Im Jahr 2021 machte der Handel mit der Türkei weniger als 1% des Gesamthandels aus. Dies ist unter anderem auf ein, durch Armenien 2021 verhängtes, vorübergehendes Einfuhrverbot zurückzuführen.

Um die Auswirkungen einer Öffnung der armenisch-türkischen Grenze auf den bilateralen Handel zu schätzen, haben wir zwei sich verstärkende Modelle verwendet. Mit einem Gravitationsmodell bewerten wir die langfristige potenzielle Handelsstruktur. Außerdem schätzt ein Modell der Handelskomplementarität das kurz- bis mittelfristige Handelspotenzial auf der Grundlage der bestehenden Produktzusammensetzung des Handels der beiden Länder.

Nach dem Gravitationsmodell wird der Anteil der Türkei am armenischen Handel auf 12% geschätzt. Dies ist deutlich höher als der tatsächliche Handel zwischen den beiden Ländern. Das Modell der Handelskomplementarität schätzt die armenischen Ausfuhren in die Türkei auf 6,7% der Gesamtausfuhren. Die Einfuhren aus der Türkei werden auf 12,8% geschätzt.

Durch die Öffnung der Grenze würde der Handel Armeniens mit der Türkei von weniger als 1% (2021) auf mehr als 10% des Gesamthandels steigen.

Einleitung

Die Grenze zwischen Armenien und der Türkei ist seit Jahren geschlossen. Es gibt keinen direkten Handel zwischen den beiden Ländern. Dennoch wurde der indirekte Handel aufrechterhalten, hauptsächlich über Georgien. Im Jahr 2021 verhängte Armenien ein Einfuhrverbot für Waren türkischen Ursprungs, mit Ausnahme von Rohstoffen. Dieses Verbot wurde 2022 wieder aufgehoben.

Wir untersuchten die Handelsauswirkungen eines Szenarios, in dem Armenien und die Türkei ihre gemeinsame Grenze öffnen und direkten Handel zulassen.

Armenischer Handel

Die wichtigsten Handelspartner Armeniens sind derzeit Russland, die EU und China.

Im Jahr 2021 machte der Handel mit der Türkei 0,9% aus. Das Einfuhrverbot für Waren türkischen Ursprungs, mit Ausnahme von Rohstoffen, verringerte den Austausch. In den Jahren 2017-2019, vor COVID-19 und dem Verbot, betrug der Handel etwa 4%. Armenien importiert hauptsächlich Waren aus der Türkei, während die Ausfuhren so gut wie nicht vorhanden sind. Vor dem Verbot im Jahr 2021 waren die wichtigsten Importgüter Textilien und Bekleidung, Maschinen und Ausrüstungen sowie Kraftstoffe. Im Jahr 2021 sind die Einfuhren aus der Türkei in allen Kategorien um 68% zurückgegangen, wobei die Einfuhr von Kraftstoffen fast vollständig eingestellt wurde.

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Methodik

Die potenzielle Handelsstruktur zwischen Armenien und der Türkei wird anhand zweier Modelle bewertet. Das Gravitationsmodell ist ein Standardinstrument zur Analyse der Handelspolitik. Es nimmt an, dass der Handel direkt proportional zur Größe der Volkswirtschaften und umgekehrt proportional zur „wirtschaftlichen Entfernung” zwischen ihnen ist. Die Produktzusammensetzung des Handels wird dabei nicht berücksichtigt. Das
Modell ist daher für die Bewertung der langfristigen Handelsstruktur geeignet.

Mit dem Modell der Handelskomplementarität untersuchen wir, ob der Export-Warenkorb eines Landes mit dem Import-Warenkorb des anderen Landes übereinstimmt. Dabei wird der Preisunterschied berücksichtigt. Somit kann die potenzielle Struktur des bilateralen Handels beleuchtet werden. Es eignet sich für die Bewertung der kurz- bis mittelfristigen Handelsstruktur.

Gravitationsmodell

Das Gravitationsmodell sagt voraus, dass der Anteil der türkischen Produkte am armenischen Handel 12% betragen sollte. Tatsächlich beträgt er jedoch im Jahr 2021 nur 1% (teilweise aufgrund des Verbots), aber auch im Jahr 2019 waren es nur 3,6%.

Es besteht demnach ein großes Potenzial für eine Ausweitung des armenischen Handels mit der Türkei.

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Handelskomplementarität

Das Handelskomplementaritätsmodell schätzt die potenziellen armenischen Exporte in die Türkei auf 185 Mio. USD (6,7% der armenischen Ausfuhren 2021).

Größtes Potenzial haben Agrar- u. Lebensmittelprodukte, einschließlich Tabakwaren, Glas u. Schmuck sowie Mineralien (Kupfererze). Die Struktur der potenziellen Exporte in die Türkei ähnelt der Gesamtstruktur der armenischen Exporte, wobei Metalle u. Spirituosen eine geringere Rolle spielen.

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Die potenziellen Einfuhren Armeniens aus der Türkei belaufen sich auf 678 Mio. USD; das sind 12,8% der armenischen Einfuhren im Jahr 2021.

Die wichtigsten Importprodukte wären Maschinen und Ausrüstungen, Textilien und Bekleidung sowie Chemikalien, vor allem Arzneimittel. Die Öffnung der Grenze würde die derzeitige Importstruktur verändern und die Bedeutung von Investitionsgütern (Maschinen und Ausrüstungen) erhöhen. Die potenziellen Einfuhren von Agrar- und Nahrungsmittelerzeugnissen würden moderat bleiben.

Schlussfolgerung

Da die gemeinsame Grenze mit der Türkei geschlossen ist, betreibt Armenien keinen direkten Handel mit dem Nachbarland. Es gibt jedoch einen indirekten Handel, der über Georgien abgewickelt wird. Der Handel ist meist einseitig, da Armenien Produkte aus der Türkei einführt, während es so gut wie keine Ausfuhren in die Türkei gibt.

Infolge einer Öffnung der Grenze zur Türkei würde der Handel Armeniens mit der Türkei von weniger als 1% (2021) auf mehr als 10% des Gesamthandels ansteigen. Die Ergebnisse beider Modelle sind ähnlich, was für robuste Ergebnisse spricht.

Die Öffnung der Grenze würde die armenischen Exporte und Importe von Investitionsgütern fördern und liegt somit sehr im wirtschaftlichen Interesse Armeniens.