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Dmitry Chervyakov

Wirtschaftswachstum bleibt hoch, kühlt sich aber allmählich ab

Die armenische Wirtschaft weist weiterhin ein sehr solides Wachstum auf. Für das aktuelle Jahr wird ein realer BIP-Zuwachs von 7% erwartet. Damit bleibt das Wirtschaftswachstum aber deutlich unter dem sehr hohen Vorjahreswert von 12,6%. Dies liegt hauptsächlich daran, dass die positive Sonderfaktoren aus dem Jahr 2022 (u.a. Migration) allmählich an Wirkung verlieren. Nichtsdestotrotz ist die aktuelle Wirtschaftslage gut: Die Inflationsdynamik hat sich deutlich abgeschwächt, der armenische Dram blieb gegenüber dem US-Dollar weitestgehend stabil, die fiskalische Lage ist solide und die Dienstleistungsexporte wachsen weiterhin stark. Für das kommende Jahr wird laut aktuellen Prognosen ein weiterer Rückgang des Wachstums auf 5% und damit eine Annäherung an den langfristigen Wachstumspfad erwartet.

  • Armenien
NL 13 | September - October 2023
Makroökonomische Analysen und Prognosen

Es bleibt fraglich, inwiefern die Sonderfaktoren langfristig das Potenzialwachstum beeinflussen können. Ebenfalls fraglich sind auch die Auswirkungen der aktuellen Ereignisse um Bergkarabach: Die Unterbringung und Integration von rund 100.000 Geflüchteten aus der Region stellt eine große Herausforderung für die Regierung dar.

Hohes Wachstum kühlt sich allmählich ab

Die armenische Wirtschaft ist 2022 um beträchtliche 12,6% gewachsen. Grund hierfür waren vorrangig Sonderfaktoren, welche in direktem Zusammenhang mit der Lage in Russland stehen. Unter anderem stärkte die Migration aus Russland signifikant den Konsum und die Dienstleistungsexporte. Die gestiegenen Re-Exporte nach Russland führten zu einer deutlichen Belebung des Handels. Diese Effekte halten auch 2023 an, wobei die positive Wirkung der Schocks jedoch allmählich nachlässt. Nichtsdestotrotz bleibt die Wirtschaftslage sehr solide. Der IWF, welcher seine Prognose erst kürzlich deutlich nach oben korrigierte, rechnet für 2023 mit einem realen BIP-Wachstum von 7%. Unter der Annahme, dass das Wirtschaftswachstum sich im kommenden Jahr wieder seinem langfristigen Potenzial nähert, wird für 2024 ein realer BIP-Zuwachs von 5% prognostiziert.

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In der sektoralen Betrachtung spiegeln sich die positiven Schocks vor allem im starken Wachstum der Dienstleistungen (8M2023: +14,8% z. Vj.) und des Handels (+23,1%) wider. Auch der Bausektor entwickelt sich sehr dynamisch: Das bevorstehende Ende der Subventionen für Baukredite und der Zustrom russischer Migranten kurbeln die kurzfristige Aktivität an. Vergleichsweise schwach entwickeln sich dagegen das verarbeitende Gewerbe und die Landwirtschaft. Auch in Bezug auf den Bergbausektor bleibt die Lage problematisch (-5,1%); es wird jedoch erwartet, dass sich dieser nach Abschluss der nötigen Modernisierungsarbeiten wieder erholt.

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Inflationsdynamik hat sich deutlich abgeschwächt

Die Sondereffekte aus dem vergangen Jahr hatten ebenfalls eine Auswirkung auf die Inflation, welche sich 2022 beschleunigte. Die armenische Nationalbank (CBA) reagierte jedoch schnell und straffte den gelpolitischen Kurs, indem sie den Leitzins mehrfach erhöhte. Dies, in Verbindung mit einem starken armenischen Dram, führte zum Rückgang der Inflation. So erwartet die CBA zum Jahresende 2023 eine Inflation i. H. v. 0,4%. Dabei verbleibt der gelpolitische Kurs straff, um die weiterhin hohe Nachfrage zu stabilisieren sowie die Inflationserwartungen zu verankern. Für 2024 wird mit einer Rückkehr zum Inflationsziel von 4% gerechnet; die CBA erwartet eine Inflationsrate von 3,5%.

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Dram blieb gegenüber dem US-Dollar stabil

Eine signifikante Wirkung des Zuflusses von Migranten aus Russland entfaltete sich auch im Hinblick auf den Wechselkurs: Der armenischen Dram wertete deutlich ggü. dem US-Dollar auf. Dies stellte einige exportorientierte Sektoren vor Probleme, da ihre Produkte an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Im Jahr 2023 stabilisierte sich der Wechselkurs, verblieb jedoch auf dem hohen Niveau des Vorjahres.

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Ein Vorteil der Aufwertung war, dass die CBA im Laufe des Jahres 2023 ihre internationalen Währungsreserven weiter akkumulieren konnte, welche sich im August 2023 auf 4,2 Mrd. USD beliefen. Dies entsprich einer Importdeckung von ca. 4,3 Monaten.

Fiskalische Lage bleibt robust

Beim Haushaltsaldo wird für 2023 mit einem leichten Anstieg des Defizits auf 2,7% des BIP gerechnet. Auch 2024 soll das Defizit auf einem ähnlichen Niveau bleiben. Hauptgrund für den Anstieg sind vor allem höhere budgetierte Ausgaben für Investitionen und Infrastrukturentwicklung. Bisher bleibt die Ausführung jedoch hinter dem Investitionsplan. Ein weiterer Faktor sind Ausgaben für die fiskalische Unterstützung der rund 100.000 Geflüchtete n aus Bergkarabach. Nach vorläufiger GET-Schätzung werden die unmittelbaren Ausgaben 2023 jedoch mit weniger als 1,5% der Gesamtausgaben überschaubar bleiben. Die kurz- bis mittelfristigen Auswirkungen sind noch unklar.

Bei der Staatsverschuldung ist mit einem Wert von 48,0% des BIP in 2023 und einem leichten Anstieg auf 48,7% in 2024 zu rechnen. Somit verbleiben die Verschuldung unter dem Schwellenwert der Fiskalregel von 50% des BIP.

Gute außenwirtschaftliche Lage

Die außenwirtschaftliche Lage wurde ebenfalls stark von den Sondereffekten beeinflusst. Im Jahr 2022 wuchs der Warenhandel vor allem durch Re-Exporte nach Russland. Auch 2023 bleibt dies ein wichtiger Faktor, der den starken Anstieg der Exporte (8M2023: +51,8% z. Vj.) und Importe (+53,8%) treibt. Es wird jedoch deutlich, dass dieser Trend allmählich abklingt – aufgrund von Basiseffekte, aber auch wegen neuen Regulierungen und Sanktionen, welche das Re-Export Geschäft erschweren. Ähnlich verhält es sich bei den Dienstleistungsexporten. Diese weisen eine starke (H1 2023: +82,5% z. Vj.), aber abnehmende Dynamik auf. Positiv schlägt sich hier vor allem die Erholung der Tourismusexporte (+94,9%) und die signifikanten IKT-Dienstleistungsexporte (+103,1%) durch russische IT-Spezialisten in Armenien nieder.

Quelle: CBA
Zusammenfassung und Ausblick

Der positive Einfluss der Sondereffekte aus dem Vorjahr bleibt auch 2023 ein bedeutender Konjunkturtreiber, beginnt jedoch langsam zu verblassen. Umso wichtiger ist die Frage, ob einige der Faktoren – wie z.B. der Zufluss russischer IT-Spezialisten – auch einen Effekt auf das langfristige Potenzial der armenischen Wirtschaft haben kann. Hinzu kommt eine weitere wichtige Herausforderung: Die Versorgung und Integration der rund 100.000 geflüchteten Menschen aus Bergkarabach in die armenische Wirtschaft. Aus rein wirtschaftlicher Sicht trifft dieser Schock auf eine aktuell gute wirtschaftliche und stabilen fiskalische Lage, was genug Spielraum lässt, zielgerichtete Politikmaßnahmen für die mittlere Frist zu erarbeiten.

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Dieser Newsletter basiert teilweise auf der 10. Ausgabe des Wirtschaftsausblicks Armenien.