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Woldemar Walter

Wirtschaftsentwicklung in Usbekistan: Die Krise bleibt vorerst aus

Für das Jahr 2022 sahen Prognosen aus dem Frühjahr eine deutliche Verringerung des usbekischen Wirtschaftswachstums voraus. Der Grund dafür war vor allem die erwartete Rezession in Russland und die damit verbundenen negativen Effekte für Usbekistan. Erwartet wurde ein Rückgang der Nachfrage nach usbekischen Waren sowie sinkende Überweisungen von Arbeitsmigranten.

Diese Befürchtungen haben sich allerdings nicht bestätigt. Der usbekische Export nach Russland ist im ersten Halbjahr 2022 mit 45% zum Vorjahreszeitraum stark gestiegen. Die Überweisungen haben sich aufgrund von Sonderfaktoren sogar vervielfacht. Der erwartete negative Schock blieb damit zumindest vorerst aus und die usbekische Wirtschaft sollte deutlich stärker wachsen als die prognostizierten 3,4%.

  • Usbekistan
NL 20 | September - Oktober 2022
Makroökonomische Analysen und Prognosen

Die makroökonomische Lage ist weiterhin sehr stabil: Die Inflation stieg auf 12% zum Vorjahr und damit nur leicht, der Wechselkurs ist fast unverändert zum US-Dollar und die Staatsfinanzen solide. Dennoch ist Usbekistan gut beraten, seine Diversifizierungsbemühungen beim Export und bei den Rücküberweisungen zu stärken, um für eine mögliche Zuspitzung der Krise in Russland gewappnet zu sein.

Hintergrund und Prognosen aus dem Frühjahr

Durch den Krieg in der Ukraine und die damit verbundenen Sanktionen gegenüber Russland wurden starke negative Auswirkungen auf die usbekische Wirtschaft erwartet. Der Grund dafür liegt in den starken wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Usbekistan und Russland. Diese bestehen insbesondere beim Handel und den Auslandsüberweisungen von Arbeitsmigranten. Rund 12% der usbekischen Warenexporte gingen 2021 nach Russland, das damit neben China zu den wichtigsten Exportmärkten zählt. Ein Einbruch des Exports hätte damit auch gesamtwirtschaftliche Auswirkungen.

Noch bedeutender ist das Land allerdings als Arbeitsmarkt für usbekische Arbeitsmigranten. Je nach Quelle kommen zwischen 56% und 75% der Rücküberweisungen, die für die usbekische Wirtschaft und insbesondere den Privatkonsum eine große Rolle spielen, aus Russland. Die Prognosen aus dem Frühjahr sahen sowohl einen Rückgang des Exports als auch der Rücküberweisungen voraus. Das usbekische Wirtschaftswachstum sollte dadurch auf 3,4% bis 4,0% im Jahr 2022 sinken.

Anstieg des Außenhandels

Die Handelszahlen für 6M2022 zeigen allerdings, dass sich diese Befürchtung nicht bewahrheitet hat. Der usbekische Gesamthandel ist in diesem Zeitraum stark gestiegen: Der Export ist um 40% zum Vorjahr gewachsen, der Import um 25%.

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Bemerkenswert ist, dass der Handel mit Russland sich entgegen Erwartungen auch ausgeweitet hat und das sogar überdurchschnittlich. Der Export ist um 45% gestiegen, der Import um 27%. Die Wachstumstreiber des Exportwachstums waren Textilien und Agrarprodukte, insbesondere Gemüse. Es gab insofern keinen Rückgang der Nachfrage nach usbekischen Produkten aus Russland.

Deutlicher Anstieg der Auslandsüberweisungen

Ein ähnliches Bild zeigt auch die Entwicklung der Auslandungsüberweisungen. Diese sind im März 2022 zwar gegenüber dem Vorjahr gefallen, in den Folgemonaten aber sehr stark gestiegen. Im Juni betrugen sie 2,3 Mrd. USD und haben sich damit zum Vorjahresmonat mehr als verdreifacht.

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Diese Entwicklung kann aber nicht allein auf den Anstieg der Überweisungen von Arbeitsmigranten zurückgeführt werden. Tatsächlich erklärt sich der starke Anstieg der Auslandsüberweisungen durch Sonderfaktoren, die im Zusammenhang mit den Sanktionen gegenüber Russland stehen.

Die von Russland eingeführten Kapitalverkehrskontrollen führen zu abweichenden Wechselkursen zwischen Bargeld und Sichteinlagen. Arbeitsmigranten und kleine Firmen nutzen vermehrt offizielle Kanäle des Bankensystems und den damit verbundenen besseren Wechselkurs des Rubels gegenüber dem US-Dollar für Geldtransfers. Ein weiterer Faktor sind russische Staatsbürger, die ihre Devisen nach Usbekistan überweisen, um diese in Usbekistan in US-Dollar umzutauschen, was in Russland nicht mehr so leicht möglich ist. Zudem gibt es einen Zustrom von russischen Migranten nach Usbekistan, die ihre Mittel auf usbekische Konten transferieren.

Diese Sondereffekte führen dazu, dass Auslandsüberweisungen momentan kein guter Indikator für die Transfers von Arbeitsmigranten sind. Es gibt aber Anhaltpunkte, dass auch diese angestiegen sind. Darauf deutet z.B. die die angestiegene Anzahl von Arbeitsmigranten hin. Die Nachfrage nach usbekischen Arbeitskräften in Russland, insbesondere im Bausektor, scheint weiterhin hoch zu sein.

Wachstum wohl deutlich höher als erwartet

Die Entwicklungen im ersten Halbjahr 2022 zeigen, dass die erwarteten negativen Effekte der Sanktionen gegenüber Russland auf die usbekische Wirtschaft zumindest bisher ausgeblieben sind. Sowohl Exporte als auch Auslandsüberweisungen sind deutlich angestiegen. Es wird daher erwartet, dass das Wirtschaftswachstum deutlich höher ausfallen wird als die im Frühjahr prognostizierten 3,4% bis 4,0%.

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In 6M2022 betrug das Wirtschaftswachstum in Usbekistan 5,4% im Vergleich zum Vorjahr und wurde vor allem vom Konsum und Investitionen getragen. Der Aufschwung war dabei sektoral breit aufgestellt, mit starken Zuwächsen im Dienstleistungssektor, im Bau und in der Industrie.

Makroökonomische Lage bleibt stabil

Auch weitere makroökonomische Indikatoren zeigen ein recht positives Bild. Trotz weltweit steigender Preise ist die Inflation nur leicht gestiegen und betrug 12% im Juli 2022 gegenüber dem Vorjahresmonat. Sie soll 2022 und 2023 auf einem ähnlichen Niveau verbleiben. Der Wechselkurs hat sich nach einer kurzen Schwächephase zu Beginn des Krieges in der Ukraine wieder erholt und rangiert fast auf dem gleichen Niveau zum US-Dollar wie zu Beginn des Jahres. Das Leistungsbilanzdefizit wird aufgrund der gestiegenen Exporte und des Zuflusses von Auslandsüberweisungen geringer ausfallen als die prognostizierten 8,3% des BIP. Das Haushaltsdefizit soll trotz bestehender Unterstützungsmaßnahmen für Bevölkerung und Wirtschaft mit 4,4% des BIP ebenfalls nicht allzu hoch ausfallen. Die Verschuldung ist mit unter 40% des BIP sehr moderat.

Fazit und Ausblick

Der Krieg in der Ukraine und die Sanktionen gegenüber Russland hatten bisher nicht die befürchteten negativen Folgen für Usbekistan. Die relevanten Indikatoren – Exporte und Auslandsüberweisungen – entwickelten sich sogar stark positiv, auch wenn dies teilweise durch Sondereffekte geprägt war. Die anfangs erwarteten negativen Folgen sind ausgeblieben, weil sich die russische Wirtschaft besser entwickelt als erwartet. Es ist aber fraglich, ob es dabei bleibt, zumal die Sanktionen weiter verschärft werden und der Erdölpreis sinkt, was den Spielraum für Unterstützungsmaßnahmen der russischen Regierung für die eigene Wirtschaft schmälern wird. Es bleibt daher weiterhin empfehlenswert für Usbekistan, seinen Export sowie die Zielländer für Arbeitsmigranten zu diversifizieren.

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ieser Newsletter basiert auf der 7. Ausgabe des Wirtschaftsausblicks Usbekistan.