Preiskontrollen und Inflation: Was die offizielle Statistik auslässt
Seit Ende 2022 ist die Preisregulierung zu einem der zentralen Merkmale der belarussischen Wirtschaftspolitik geworden. Was zunächst als Notfallreaktion auf veränderte Handelsströme begann, hat sich allmählich zu einer dauerhaften Regulierungsmaßnahme entwickelt, welche das Verhalten von Unternehmen, Verbrauchern und staatlichen Stellen prägt. Drei Jahre nach ihrer Einführung unterdrückt diese Maßnahme nach wie vor Marktsignale, verstärkt strukturelle Verzerrungen und setzt Produzenten sowie Einzelhändler zunehmend unter Druck. Die Folgen dieser Preispolitik werden in diesem Newsletter untersucht.
Preisregulierung: Resolution Nr. 713
Im Oktober 2022 führte Belarus durch die Resolution Nr. 713 „Über das System der Preisregulierung“ einen umfassenden Rahmen für Preiskontrollen ein. Die Maßnahme erweitert die staatliche Rolle bei der Bildung von Verbraucherpreisen erheblich. Dazu gehören:
- Verpflichtende Vorabgenehmigungen von Preisänderungen für eine breite Palette an Waren und Dienstleistungen, die anfangs mehr als 370 Warengruppen umfasste: von Lebensmitteln über Kleidung bis hin zu Unterhaltungselektronik
- Begrenzungen von Gewinnspannen und Aufschlägen sowie von Kostenweitergaben für Produzenten und im Einzelhandel
- Einfrieren von Preisen und Preisobergrenzen
Ursprünglich stellten die Behörden diese Kontrollen als eine vorübergehende Maßnahme zur Eindämmung der Inflation in einer Phase der Anpassungen an die Sanktionen und veränderten Marktbedingungen in Folge der russischen Invasion der Ukraine dar. Drei Jahre später besteht diese Politik jedoch weiterhin und hat sich zu einem langfristigen administrativen Mechanismus entwickelt, der die Märkte verzerrt. Die Umsetzung der Resolution 713 erwies sich als wesentlich komplizierter als ursprünglich angenommen. Was als kurzer Regelkatalog begann, entwickelte sich rasch zu einem komplexen und umfangreichen Regulierungsrahmen, der von zahlreichen Klarstellungen und Änderungen begleitet wurde. Selbst in dieser erweiterten Form lässt die Resolution erheblichen Interpretationsspielraum, weshalb die Behörden häufig Erläuterungen abgeben müssen.
In der Anfangsphase hielt der Handelsminister nahezu jede Woche Pressekonferenzen ab, um zu erläutern, wie die Regeln anzuwenden seien. Dabei grenzten einige Fragen an Absurdität. So etwa die Frage, ab welchem Zeitpunkt geschnittene Gurken und Tomaten, die beide Preiskontrollen unterliegen, zu einem Salat werden, dessen Preis wiederum nicht reguliert ist. In der Praxis wurde diese Politik weniger durch klare gesetzliche Regeln als vielmehr durch die Androhung administrativer und strafrechtlicher Konsequenzen durchgesetzt. Viele Unternehmer wurden wegen angeblicher Verstöße gegen den „Geist“ statt gegen den „Wortlaut“ der Regelung zur Verantwortung gezogen. Dies führte zu weit verbreiteter Vorsicht und einer Lähmung der Preisgestaltung im gesamten Privatsektor.
„Wahre“ Inflation ohne Preiskontrollen
Um einzuschätzen, in welchem Ausmaß die Regulierung die Inflation dämpft, verwenden wir ein Prognosemodell (Quarterly Project Model; QPM), das in den Inflation-Bulletins des Belarusian Economic Research and Outreach Center (BEROC) angewendet wird. In diesem Modell wird die beobachtete Inflation in Beiträge aus inländischer Nachfrage und Löhnen, Wechselkursveränderungen, externer Inflation, und Inflationserwartungen sowie eine Residualkomponente, die den Effekt der Preisregulierung widerspiegelt, zerlegt. Wenn Preiskontrollen wirksam sind, wird dieses Residuum negativ. Um einen kontrafaktischen Verbraucherpreisindex (VPI) ohne Preiskontrollen zu erhalten, wird dieser negative Beitrag wieder hinzugefügt und den Komponenten wird erlaubt, sich mit marktbasierten Raten zu entwickeln.
VPI: Mit und ohne Preiskontrollen
Im September 2025 lag die offizielle Inflation im Jahresvergleich bei 7,1%. Ohne Preiskontrollen hätte sie laut QPM-Schätzung bei 10,5% gelegen. Die Lücke ist seit dem dritten Quartal 2022 durchgehend positiv. Phasen strengerer Preiskontrollen, insbesondere in den Jahren 2023 und 2024, gingen mit größeren Abweichungen von mehr als 7 Prozentpunkten einher.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Datawrapper. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
‚
Selbst nach der teilweisen Lockerung der Kontrollen im April 2025 beträgt die Differenz noch immer 3 bis 4 Prozentpunkte. Dies zeigt, dass der Einfluss auf die Preisbildung nach wie vor erheblich ist und die Reaktion des offiziellen VPI auf die zugrunde liegenden wirtschaftlichen Bedingungen weiterhin gedämpft wird.
Implikationen
Preiskontrollen erzeugen einen erheblichen inflationsbedingten Druck. Durch die Festsetzung der Preise wird die ansonsten auftretende Inflation verschoben. Das aufgestaute Risiko wird sich zwangsläufig materialisieren, sobald die Kontrollen gelockert oder aufgehoben werden. Dieser Effekt wird durch das aktuelle makroökonomische Umfeld verstärkt. Mit einer Produktionslücke von über 2% ist die Wirtschaft überhitzt und die zugrunde liegenden Kostensteigerungen sind erheblich. Da die Preise in vielen Kategorien jedoch nicht frei angepasst werden können, spiegelt der offizielle VPI weder die Intensität der Binnennachfrage noch das schnelle Wachstum der Lohnstückkosten vollständig wider.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Datawrapper. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
‚
Die realen Lohnstückkosten, definiert als Arbeitskosten pro Einheit wirtschaftlicher Leistung, bereinigt um die Inflation, sind mit 53% auf einen Rekordwert gestiegen. Zum Vergleich: Der historische Durchschnitt liegt bei etwa 47,5%. Die Reallöhne sind im Vergleich zum Durchschnitt des Jahres 2022 um 37% gestiegen. Unter normalen Umständen würde eine solche Diskrepanz zwischen Produktivitäts- und Lohnwachstum zu höheren Verbraucherpreisen führen.
Während der Preiskontrollen können Unternehmen gestiegene Arbeitskosten nicht an die Verbraucher weitergeben. Sie sind gezwungen, die Verluste selbst zu tragen. Die Kombination aus niedriger gemessener Inflation und schnellem Reallohnwachstum vermittelt den Haushalten den Eindruck einer starken wirtschaftlichen Entwicklung. Dies befeuert wiederum die Binnennachfrage. Da die Löhne schneller steigen als die Produktion, verlagern Konsumenten ihre Nachfrage hin zu Importgütern. Dies erhöht den Druck auf die Leistungsbilanz und in der Folge auf die Inflation. Die finanzielle Belastung der Sektoren nimmt weiter zu. Unternehmen, die ihre Preise nicht erhöhen können, während ihre Inputkosten stark steigen, geraten in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten. Besonders deutlich zeigt sich dies im Einzelhandel und in der Landwirtschaft. Der Einzelhandel hat sich in den letzten Jahren zum Sektor mit den höchsten Insolvenzraten entwickelt. Dies deutet darauf hin, dass eine spätere Liberalisierung der Preise wahrscheinlich in einem weniger wettbewerbsfähigen und stärker konzentrierten Markt stattfinden wird. Ähnliche Probleme gibt es auch in der Landwirtschaft. Verzerrte Preisanreize führen zu auftretenden Engpässen und verringern die Anreize für Investitionen und Effizienzsteigerungen. Dies trägt zur Erklärung von Ereignissen wie der Gemüseknappheit im Frühjahr 2025 und sogar von zeitweiligen Engpässen bei Belarus wichtigstem Grundnahrungsmittel, den Kartoffeln, bei.
Schlussfolgerung
Zusammen zeigen diese Faktoren, dass Resolution Nr. 713 die Inflation auf Kosten der langfristigen wirtschaftlichen Effizienz unterdrückt. Sie schwächt die Leistungsfähigkeit einzelner Sektoren, untergräbt den Wettbewerb und vergrößert das Ausmaß der späteren Preisanpassungen. Je länger diese Politik besteht, desto stärker wird die Korrektur ausfallen, sobald die Kontrollen schließlich gelockert werden.
Einige Behörden haben ein Bewusstsein für diese Risiken signalisiert und sogar versucht, die Preiskontrollen zu lockern. Am 10. März 2025 wurde Alexander Turchin zum Premierminister von Belarus ernannt. In seinen ersten Stellungnahmen deutete er einen Politikwechsel an. Dies spiegelt eine wachsende Besorgnis innerhalb der Regierung wider. Lukaschenko widersetzte sich jedoch und infolgedessen führten die Behörden lediglich eine geringe Lockerung ein: Einige Produkte wurden von der Kontrollliste gestrichen. Bislang existiert jedoch kein öffentlicher Fahrplan für eine weitergehende Deregulierung und die Maßnahme als Ganzes bleibt vorerst bestehen.
Dr. Lev Lvovskiy ist akademischer Direktor bei BEROC. Dieser Text gibt die Meinung des Autors wieder und entspricht nicht unbedingt den Ansichten des German Economic Team.