Zum Hauptinhalt
Carolin Busch

Moldau macht Fortschritte bei der Energiesicherheit

Moldau hat seit Oktober 2021 mehrere Energiekrisen erlebt. Nach einer Gaskrise, die durch einen drastischen Anstieg der Gasimportpreise Ende 2021 ausgelöst wurde, reduzierte Gazprom, Moldaus Hauptlieferant von Erdgas, im Oktober 2022 die Lieferungen drastisch. Die eingeschränkte Gasversorgung stürzte das Land in eine Stromkrise, da die Stromerzeugung des Landes ebenfalls hauptsächlich von Erdgas abhängt. Mit erheblicher finanzieller Unterstützung internationaler Partner gelang es Moldau, beide Krisen zu überwinden.

  • Moldau
NL 77 | Mai - Juni 2023
Energie und Klima

Das Land hat nun einen Zustand relativer Stabilität erreicht, da der Stromkauf aus der Region Transnistrien wieder aufgenommen wurde und die Gasversorgung etwas stärker diversifiziert ist als zuvor. Dennoch bleiben viele Risiken und Herausforderungen bestehen. Moldau muss daher auf dem Weg zu mehr Energiesicherheit weiter voranschreiten, indem es seine eigene Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen ausbaut, eine widerstandsfähigere Energieinfrastruktur aufbaut und die Nachfrage durch Energieeffizienzmaßnahmen senkt.

Der Anfang einer Energiekrise

Moldau erlebte seine erste Energiekrise im Oktober 2021, wenige Monate bevor die umfassende russische Invasion in der Ukraine den Rest Europas in eine Energiekrise stürzte. Viele Jahre lang hatte Moldau auf Grundlage langfristiger Verträge relativ billiges Erdgas aus Russland bezogen. Diese Vereinbarung, von der die moldauische Bevölkerung und die Unternehmen profitierten, führte zu einer völligen Abhängigkeit bei den Gaseinfuhren. Außerdem wird fast der gesamte Strom, der im Land verbraucht wird, mit Gas erzeugt.

Ende September 2021 lief der letzte Vertrag zwischen Gazprom und Moldovagaz aus. Die Verhandlungen über einen neuen Vertrag erwiesen sich angesichts der zunehmenden politischen Spannungen zwischen der neuen pro-europäischen moldauischen Regierung und Moskau als schwierig. Nach einigen Wochen, in denen Moldau Gas zu bereits deutlich gestiegenen Marktpreisen bezog, wurde eine Einigung erzielt, die eine kontinuierliche Versorgung mit russischem Gas für weitere fünf Jahre sicherstellen sollte. Der Importpreis für Moldau wurde jedoch an die internationalen Gaspreise gekoppelt, was für Moldau einen Anstieg um das Fünf- bis Sechsfache gegenüber den früheren Importpreisen bedeutete.

Dank der beträchtlichen finanziellen Unterstützung durch die EU und andere internationale Partner konnte Moldau das Gas weiter bezahlen und einen großen Teil des Gaspreisanstiegs für die Bevölkerung kompensieren, so dass diese erste Krise erfolgreich überstanden wurde. Dennoch hatte der Anstieg der Energiepreise schwerwiegende negative Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Bevölkerung. Die Inflationsrate begann stetig zu steigen und erreichte im Oktober 2022 mit 34,6% einen neuen Höchststand.

Von Gaskrise zu Stromkrise

Inmitten des Krieges in der Ukraine blieben die internationalen Gaspreise auf Rekordniveau und zwangen Moldau, sowohl im Winter als auch im Sommer, viel mehr zu zahlen als erwartet. Dennoch blieb die Lage in diesem Zeitraum relativ stabil, bis zum Oktober 2022, als Gazprom die Gaslieferungen an Moldau um mehr als 50% reduzierte und dies mit zu geringen von der Ukraine gebuchten Durchleitungsmengen begründete, was die Ukraine jedoch bestritt. Diese Lieferkürzung betraf nicht nur das für den rechtsufrigen Teil Moldaus verfügbare Gas, sondern auch die Region Transnistrien, die fast doppelt so viel Gas von Gazprom erhält wie der rechtsufrige Teil Moldaus. Infolge der verringerten Gaslieferungen schränkte die Region Transnistrien den Zugang zu Gas für mehrere Industrieunternehmen ein und erklärte, dass sie nicht mehr über ausreichende Gasmengen für das Gaskraftwerk MGRES verfüge, das den größten Teil des Stroms für die Region Transnistrien und den rechtsufrigen Teil Moldau liefert. Der Stromverkauf von MGRES an den rechtsufrigen Teil Moldaus wurde gestoppt, wodurch die Gaskrise zu einer Stromkrise und somit einer vielschichtigen Energiekrise wurde.

In Anbetracht der sehr begrenzten Stromerzeugungskapazitäten im rechtsufrigen Teil von Moldau war das Land gezwungen, vorübergehend den Großteil seines Stroms aus Rumänien zu importieren, meist zu sehr hohen Marktpreisen. Dies lag zum Teil auch daran, dass die Ukraine, eine weitere relativ günstige Stromimportquelle für Moldau, aufgrund der Zerstörung ihrer Energieinfrastruktur die Exporte eingestellt hatte. Das German Economic Team erstellte zu diesem Zeitpunkt eine Prognose der zusätzlichen Stromkosten, die entstanden wären, wenn Moldau weiterhin große Mengen an Strom aus Rumänien hätte importieren müssen. In einem Worst-Case-Szenario hätten die zusätzlichen Kosten in den sechs Monaten von November 2022 bis April 2023 349 Mio. EUR oder 3% des BIP erreichen können. Dieses Ergebnis verdeutlichte, wie wichtig es war, mit MGRES eine Vereinbarung über erneute Stromlieferungen zu treffen.

Im Dezember 2022 gelang es der moldauischen Regierung, mit den transnistrischen De-facto-Behörden eine Vereinbarung über die Fortsetzung der Stromlieferungen auszuhandeln. Im Rahmen dieser Vereinbarung versprach die moldauische Regierung die gesamten Gaslieferungen aus Russland der Region Transnistrien im Gegenzug für Strom zu einem Preis von 73 USD/MWh, der nur geringfügig über dem bisherigen Tarif lag, zur Verfügung zu stellen. Dadurch konnten erhebliche Erhöhungen der Stromtarife für die Verbraucher in Moldau, die unweigerlich zu einem weiteren Anstieg der Inflation geführt hätten, vermieden werden.

Relative Stabilität für den Moment erreicht

Der Stromvertrag mit MGRES wurde kürzlich überarbeitet, und es wurde ein reduzierter Preis von
66 USD/MWh bis Ende Oktober 2023 vereinbart. Das gesamte russische Gas fließt in die Region Transnistrien, während der rechtsufrige Teil Moldaus Gas für seinen eigenen Bedarf von anderen Lieferanten über Rumänien importiert. Die derzeitige Situation ist also stabil, und die Strompreise vergleichsweise niedrig. Gleichzeitig könnte jede Unterbrechung oder zusätzliche Verringerung der Gaslieferungen aus Russland dieses Gleichgewicht stören. Die Energieinfrastruktur stellt eine weitere potenzielle Risikoquelle dar. Ein beträchtlicher Teil der grenzüberschreitenden Stromübertragungsleitungen verläuft durch das MGRES-Kraftwerk, was bedeutet, dass die transnistrische Region theoretisch den Stromfluss in den rechtsufrigen Teil Moldaus unterbrechen könnte. Darüber hinaus ist das moldauische Stromnetz auch an das ukrainische Stromnetz angeschlossen, wo Ungleichgewichte, die durch die Zerstörung der Infrastruktur verursacht wurden, im vergangenen Jahr bereits zu Stromausfällen in Moldau geführt haben.

Nächste Schritte auf dem Weg zur Energieresilienz

Die Entwicklung einer widerstandsfähigeren Energieinfrastruktur bleibt daher eine der Prioritäten der moldauischen Energiepolitik. Dazu gehört eine neue grenzüberschreitende Stromleitung mit Rumänien, die bereits im Bau ist und die es Moldau ermöglichen würde, Strom aus Rumänien und später auch aus anderen EU-Ländern zu importieren, ohne vom MGRES-Kraftwerk in der Region Transnistrien abhängig zu sein. Was Gas betrifft, so baut Moldau derzeit Vorräte in Gasspeichern in Rumänien und der Ukraine auf, die dazu beitragen könnten, zusätzliche Energiekrisen abzufedern, falls Russland die Lieferungen unterbrechen oder reduzieren würde.

Mittelfristig muss sich Moldau auch auf den Ausbau seiner eigenen Stromerzeugungskapazitäten konzentrieren. Diese Bemühungen sollten sich auf erneuerbare Energiequellen wie Wind- und Solarenergie konzentrieren. Bislang liegt der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung bei nur etwa 4%. Eine Priorität für die Regierung sollte daher der Start der geplanten Auktionen für große Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien sein, die die Entwicklung dieses Sektors erheblich voranbringen könnten.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Energieeffizienz im Gebäudesektor. Sowohl öffentliche Gebäude als auch Wohngebäude in Moldau weisen eine geringe Energieeffizienz auf und werden häufig mit Gas beheizt. Das Potenzial zur Steigerung der Energieeffizienz ist also groß und würde nicht nur die finanzielle Belastung der Verbraucher durch hohe Gastarife verringern, sondern auch die Abhängigkeit vom Gas reduzieren.

Schlussfolgerungen und Ausblick

In Anbetracht der zahlreichen Energiekrisen, mit denen Moldau in den letzten 20 Monaten konfrontiert war, hat das Land inzwischen ein bemerkenswertes Maß an Stabilität in seinem Energiesektor erreicht, auch dank der beträchtlichen Unterstützung durch internationale Partner. Dennoch gibt es weiterhin zahlreiche Herausforderungen und Risikoquellen, die neue Krisen auslösen könnten. Daher sollte Moldau den Weg in Richtung Energieresilienz und -unabhängigkeit weiter beschreiten und sich dabei insbesondere auf die Eigenerzeugung aus erneuerbaren Energien und die Senkung der Nachfrage durch Energieeffizienz konzentrieren.

Download als PDF

Bild: ©Miha Creative-stock.adobe.com