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Rouven Stubbe, Marie-Aimée Salopiata

Kosovos neue energiepolitische Agenda

Im März diesen Jahres hat Kosovo seine lang erwartete neue Energiestrategie verabschiedet, in der die wichtigsten Ziele und Maßnahmen bis 2031 festgelegt sind. Aus der Strategie geht hervor, dass frühere Pläne zum Ausbau umweltschädlicher Braunkohlekraftwerke endgültig ad acta gelegt sind und sich das Land stattdessen auf den Ausbau von Erzeugungskapazitäten aus erneuerbaren Energien konzentrieren will. Das Hauptziel ist ein Anteil von 35% erneuerbarer Energien am Bruttoendverbrauch bis 2031, welches die Regierung durch politische Maßnahmen wie Auktionen zur Förderung erneuerbarer Energien erreichen will. Während das 35%-Ziel mit dem geplanten Ausbau der Kapazitäten zwar prinzipiell erreichbar ist, stellt ein Mangel an Finanzierungmitteln ein großes Hindernis dar. Um diese Hürde zu überwinden und auf die noch ehrgeizigeren Maßnahmen hinzuarbeiten, die im ersten Entwurf des kosovarischen Energie- und Klimaplans (NECP) skizziert sind, ist die Bereitstellung von mehr öffentlichen Mitteln und die Einwerbung von Klimafinanzierung aus internationalen Quellen von entscheidender Bedeutung.

  • Kosovo
NL 14 | November - Dezember 2023
Energie und Klima
Eine neue Energiestrategie schafft Impulse

Im März diesen Jahres hat Kosovo seine lang erwartete neue Energiestrategie verabschiedet, auf die im September ein Umsetzungsprogramm folgte. Mit der neuen Strategie legt Kosovo seine energiepolitischen Ambitionen für das kommende Jahrzehnt (2022-2031) dar. Die Strategie stellt einen Wendepunkt in der kosovarischen Energiepolitik dar und macht deutlich, dass das Land seine starke Abhängigkeit von Braunkohle, die im Jahr 2021 über 90% der Stromerzeugung ausmachte, reduzieren will. So wurden bisherige Pläne für ein neues Braunkohlekraftwerk aufgegeben. Stattdessen konzentriert sich die Strategie auf den Ausbau der Erzeugungskapazitäten aus erneuerbaren Energiequellen.

Hauptziele

Das Hauptziel der kosovarischen Energiestrategie in dieser Hinsicht besteht darin, den Anteil der erneuerbaren Energien (EE) am Bruttoendverbrauch bis 2031 von 6% im Jahr 2021 auf mindestens 35% zu erhöhen. Zu diesem Zweck sollen mindestens 600 MW an zusätzlichen Windparks und 600 MW an zusätzlichen PV-Anlagen errichtet werden. Darüber hinaus sind in der Strategie 100 MW an PV-Dachflächenkapazitäten vorgesehen. Insgesamt wäre dies eine erhebliche Steigerung der EE-Kapazität im Vergleich zu den 10 MW Solar- und 137 MW Windkraft, die 2021 installiert wurden. Parallel zum EE-Ausbau strebt Kosovo mindestens 170 MW an flexibler Regelkapazität in Form von Batteriespeichern an.

Darüber hinaus sieht die Strategie Schritte zur Reduzierung der auf Braunkohle basierenden Stromerzeugungskapazitäten vor, von denen das Land immer noch stark abhängig ist. Zu diesem Zweck sollen ein oder zwei der in Betrieb befindlichen Braunkohleblöcke des Kraftwerks Kosovo A stillgelegt werden, während die verbleibenden ein oder zwei Blöcke (in Betrieb genommen 1970/71) als strategische Reserve dienen sollen. Die beiden Blöcke des Kraftwerks Kosovo B (1983/84 in Betrieb genommen) sollen umfassend nachgerüstet werden, um Luftverschmutzungsvorschriften zu entsprechen.

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Zur Erreichung dieser Ziele umfasst das im September verabschiedete Implementierungsprogramm eine Reihe von Maßnahmen.

EE-Auktionen als zentrales politisches Instrument

Auktionen zur Förderung erneuerbarer Energien sind die Kernmaßnahme zur Steigerung der Investitionen in diesem Bereich. Diese Rückwärtsauktionen zielen darauf ab, kosteneffizient finanzielle Unterstützung für EE-Investoren auszuschreiben, indem ein garantierter Kaufpreis (der durch die Auktionen bestimmt wird) für mindestens 15 Jahre gewährleistet wird. Diese Unterstützung ist an einen Landpachtvertrag mit einer Mindestlaufzeit von 30 Jahren geknüpft, sollte der Projektträger nicht Eigentümer des Landes sein, sowie an einen garantierten Anschlussvertrag mit dem Übertragungsnetzbetreiber und einer eingeschränkten Verantwortung für den Ausgleichsleistungen. Die erste Pilotauktion für 100 MW Solar-PV auf öffentlichem Land läuft noch bis zum 31. Januar 2024. Weitere Ausschreibungen sind für 2024 und 2025 geplant, auch für Wind. Darüber hinaus hat Kosovo Ausschreibungen für die technische Planung, die Beschaffung und den Bau (EPC) von 100 MW Photovoltaik, 50 MW solarthermische Fernwärme, sowie 45 MW/90 MWh und 125/250 MWh Batteriespeicher angekündigt.

Ehrgeizige Pläne erfordern eine effiziente Umsetzung

Die in der Strategie vorgesehenen Ziele und Maßnahmen sind ehrgeizig, insbesondere angesichts des von der Strategie abgedeckten Zeitrahmens. Wie Modellierungsergebnisse des German Economic Team (GET) zeigen, reicht eine erfolgreiche Umsetzung der bis 2031 geplanten Kapazitätsmengen zwar aus, um einen EE-Anteil am Bruttoendenergieverbrauch von über 35% zu erreichen. Dennoch ist eine rasche und wirksame Umsetzung erforderlich, um sicherzustellen, dass ein solider Rechtsrahmen für EE-Investitionen vorhanden ist und somit der Bau der geplanten Solar- und Windparks sowie der Speicherkapazitäten in Gang gesetzt werden kann.

Fehlende finanzielle Mittel als Hauptherausforderung

Neben der Geschwindigkeit der Umsetzung ist die Sicherung ausreichender finanzieller Mittel für die dargelegten Ziele eine weitere wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung der Energiestrategie.

Für einige der oben genannten Maßnahmen ist die Finanzierung durch den kosovarischen Staatshaushalt und/oder durch Geber und internationale Finanzinstitutionen (IFI) bereits gesichert. Wichtige Beispiele sind die EPC-Ausschreibungen für Photovoltaik und solarthermische Fernwärme sowie die Batteriespeicher.

Die Finanzierung einiger anderer Maßnahmen ist derzeit nicht vollständig abgedeckt. Insbesondere muss die Regierung sicherstellen, dass ausreichende Mittel für Kernmaßnahmen wie EE-Auktionen, die Nachrüstung von Braunkohlekraftwerken sowie für zusätzliche Investitionen in die Übertragungs- und Verteilungsnetze zur Verfügung stehen, um Netzverluste zu verringern und sicherzustellen, dass die geplante Stromerzeugung aus EE vom Netz aufgenommen werden kann. Insgesamt schätzt GET den ungedeckten Finanzierungsbedarf im Energiesektor bis 2030 auf rund 1,4 Mrd. EUR. Darin enthalten ist auch ein erheblicher Teil, der von privaten Investoren aufgebracht werden muss.

Um die notwendigen Finanzmittel zu sichern, müssen mehr Mittel aus dem Staatshaushalt bereitgestellt werden. Zu diesem Zweck könnte die Regierung quasi-fiskalische Energiesubventionen über ihre staatlichen Unternehmen (KEK und KOSTT) reduzieren und die freigewordenen Mittel für Netzinvestitionen sowie die gezielte Förderung erneuerbarer Energien und der Energieeffizienz verwenden.

Andererseits ist angesichts des Ausmaßes der Herausforderung eine zusätzliche Unterstützung durch IFIs und

Geber erforderlich. Eine zusätzliche Herausforderung stellt in diesem Zusammenhang die Tatsache dar, dass Kosovo nur begrenzten Zugang zu vielen der wichtigsten internationalen Klimafinanzierungsmechanismen, einschließlich der UNFCCC-Finanzierungsmöglichkeiten, hat. Dies liegt daran, dass Kosovo noch nicht Mitglied der UN und damit auch nicht Vertragspartei des Pariser Klimaabkommens ist. Um trotz dieser Herausforderungen die notwendigen Finanzmittel zu sichern, bedarf es erheblicher Bemühungen auf internationaler Ebene, die derzeit durch die Teilnahme einer kosovarischen Delegation an der COP28 in Dubai und die bevorstehende Entwicklung der ersten freiwilligen Nationalen Klimabeiträge (NDCs) für Kosovo eingeleitet werden.

Ausblick

Kosovo ist auf dem Weg zu einer Renaissance der Investitionen im Energiesektor. Die neue Energiestrategie ist ehrgeizig, die Ziele aber erreichbar, wenn die Umsetzung schnell und effizient erfolgt und mit ausreichenden zusätzlichen finanziellen Mitteln unterstützt wird.

Die neue Energiestrategie und die darin festgelegten Ziele sind in sektorübergreifende Bestrebungen Kosovos zur Dekarbonisierung der Wirtschaft eingebettet. Diese Ziele sind im ersten Entwurf des Nationalen Energie- und Klimaplans (NECP) skizziert, der mit Unterstützung von GET und der GIZ erstellt wurde. Dieser erste Entwurf des NECP, der über den Energiesektor hinausgeht und alle energieerzeugenden und -verbrauchenden Sektoren sowie die nicht-energetischen Treibhausgasemissionen abdeckt, ist deutlich ehrgeiziger als die Energiestrategie und erfordert daher auch einen noch höheren finanziellen Aufwand. So werden zusätzliche Mittel benötigt, um sicherzustellen, dass die Ziele für die energieeffiziente Renovierung öffentlicher, gewerblicher und privater Gebäude erreicht werden, die Einführung von Elektrofahrzeugen voranschreitet und große Infrastrukturprojekte wie die Elektrifizierung der kosovarischen Eisenbahn und die Eisenbahnverbindung zwischen Kosovo und Albanien realisiert werden können.

Insgesamt geben die neue Energiestrategie und der erste Entwurf des NECP den Weg für eine ehrgeizige Energiewende in allen Sektoren vor. Kosovo muss nun an der effizienten Umsetzung des Rechtsrahmens und einer umfassenden Finanzierungsstrategie arbeiten, um sicherzustellen, dass die gesetzten Ziele erreicht werden können.

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