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Manuel von Mettenheim, Carolin Busch

Herausforderungen im moldauischen Stromsektor

Der Stromverbrauch in Moldau ist durch einen hohen Anteil privater Nutzung gekennzeichnet, was die Endverbraucherpreise zu einem wichtigen Thema macht.

  • Moldau
NL 71 | Mai-Juni 2022
Energie und Klima

Darüber hinaus hängt die Stromversorgung des Landes stark von dem in russischem Besitz befindlichen MGRES in der Region Transnistrien ab. MGRES liefert sehr günstigen Strom im Vergleich zu den Preisen in den benachbarten Ländern. Die Gaskrise im Jahr 2021 und der Krieg in der Ukraine haben jedoch gezeigt, wie wichtig Energiesicherheit ist und dass die Stromversorgung diversifiziert werden muss. Kurzfristig beschränken sich die Diversifizierungsmöglichkeiten auf Importe aus der Ukraine und Rumänien, während langfristig der Ausbau der inländischen Kapazitäten durch die Erzeugung aus erneuerbaren Energien eine wichtige Rolle spielen wird. Außerdem muss der Wettbewerb auf dem Stromgroßhandelsmarkt verstärkt werden. Die Aussicht auf die EU-Energieintegration, einschließlich der ENTSO-E-Marktkopplung, wird zu einem wettbewerbsfähigeren Markt beitragen.

Stromnachfrage

Der Stromverbrauch in Moldau ist trotz des stetigen Wirtschaftswachstums seit Jahren relativ stabil. Die größten Industriezweige Moldaus sind nicht sehr energieintensiv, so dass private Haushalte ca. 40% des Stroms verbrauchen, was deutlich über dem europäischen Durchschnitt von 30% liegt. Daher ist die Bezahlbarkeit der Strompreise ein Schlüsselfaktor bei der Gestaltung der Energiepolitik. Außerdem wird der Großteil des Stroms von den privaten Haushalten tagsüber verbraucht, während sich der Verbrauch in der Nacht halbiert.

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Dieser Unterschied zwischen Spitzen- und Schwachlastzeiten stellt eine Herausforderung für den Ausgleich von Nachfrage und Angebot dar.

Stromversorgung

Die Stromversorgung der Republik Moldau wird von dem in russischem Besitz befindlichen Kraftwerk Kuchurgan (MGRES) in der Region Transnistrien dominiert. Im Jahr 2021 erzeugte MGRES 74% des auf der rechtsufrigen Seite Moldaus verbrauchten Strom. Der restliche Strom stammte aus der Produktion im rechtsufrigen Teil Moldaus (23%) und aus Importen aus der Ukraine. Da der inländische Strom größtenteils von Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen erzeugt wird, die im Winter wegen der Wärmeerzeugung laufen müssen, variiert der Stromerzeugungsmix stark zwischen den Jahreszeiten. Im Sommer deckt MGRES bis zu 95% des Strombedarfs, im Winter dagegen nur etwa 60%.

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Transnistrien erhält kostenloses Gas von Gazprom, so dass die Kosten für die Stromerzeugung von MGRES und folglich die Preise für die Verbraucher in Moldau sehr niedrig sind. Die Abhängigkeit von nur einem Stromerzeuger, welcher nicht unter der Kontrolle der moldauischen Behörden steht, birgt jedoch Risiken für die Energiesicherheit. Daher ist eine Diversifizierung der Stromversorgung erforderlich, um die Abhängigkeit von MGRES zu verringern.

Diversifizierungsoptionen für die Stromversorgung

Kurzfristig könnte Moldau die Stromimporte erhöhen. Das Land verfügt über grenzüberschreitende Übertragungskapazitäten mit der Ukraine (600 MW) und Rumänien (310 MW). In den vergangenen Jahren war die Ukraine ein wichtiger Konkurrent für MGRES. Am 16. März 2022 wurden die ukrainisch-moldauischen Stromnetze technisch mit dem Europäischen Netz der Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E) synchronisiert, um die Netzstabilität sicherzustellen. Dieser Prozess war ursprünglich für 2023 geplant, wurde aber durch den Krieg vorgezogen. Obwohl die technische Synchronisierung zu hohen grenzüberschreitenden Stromflüssen von Rumänien nach Moldau führt, handelt es sich dabei hauptsächlich um unerwünschte Ringflüsse in die Region Odessa in der Ukraine. Daher erwägt Moldau den Bau einer B2B-Station, um die Stromflüsse zwischen Rumänien und Moldau besser kontrollieren zu können. Die Synchronisierung umfasst jedoch noch keine Marktaspekte, so dass kommerzielle Importe aus Rumänien derzeit nicht möglich sind.

Versorgung mit erneuerbarer Energie

Langfristig kann Moldau die inländischen Stromerzeugungskapazitäten ausbauen, insbesondere mit erneuerbaren Energien. Derzeit beträgt die Kapazität an erneuerbaren Energien (ohne Wasserkraft) 104 MW und deckt 2% der gesamten Stromversorgung im rechtsufrigen Moldau ab. Um die Entwicklung erneuerbarer Energien zu fördern, bietet Moldau drei Arten von Förderprogrammen an: (1) Net-Metering, (2) Einspeisetarife und (3) staatliche Auktionen.

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Ein Anstieg der variablen erneuerbaren Energien im Stromsystem erfordert jedoch ausreichende Ausgleichskapazitäten. Derzeit kann nur MGRES den Ausgleich für den rechtsufrigen Teil Moldaus sicherstellen, was aufgrund der unzureichenden Durchsetzungskapazitäten der Regulierungsbehörde ANRE in der Region Transnistrien schwierig umzusetzen ist. Daher prüft Moldau auch alternative Optionen für die Bereitstellung von Ausgleichskapazitäten, wie z.B. Gas- und Dampfturbinen.

Mehr Wettbewerb auf dem Strommarkt

Der Wettbewerb auf dem moldauischen Stromgroßhandelsmarkt beschränkt sich im Wesentlichen auf das Angebot von MGRES und Importe aus der Ukraine. Es gibt keinen Marktbetreiber und keine Spotmärkte (dayahead, intraday). In den Vorjahren gab es jährliche Ausschreibungen für Stromlieferungen, die MGRES aufgrund seiner niedrigen Produktionskosten in der Regel gewann. Im Mai 2022 lag das Angebot beispielsweise bei 55 EUR/MWh, womit MGRES deutlich unter den Großhandelspreisen in den Nachbarländern lag (74 EUR/MWh in der Ukraine und 210 EUR/MWh in Rumänien).

Die marktbeherrschende Stellung von MGRES hält die Preise für die moldauischen Verbraucher niedrig. Aber das Kraftwerk ist auch ein Akteur, der nicht vollständig nach Marktprinzipien arbeitet. Um den Wettbewerb auf dem moldauischen Strommarkt zu verbessern, ist ein Zwischenziel die Marktkopplung mit der Ukraine. Das Endziel wäre die vollständige Integration in den EU-Energiemarkt, was die Marktkopplung mit ENTSO-E einschließt und den Zugang für rumänische und andere EU-Anbieter ermöglichen würde.

Ausblick

Die Gaskrise und die russische Invasion in der Ukraine haben zu einer Neubewertung der Energiesicherheit in Moldau geführt. Die hohe Abhängigkeit von dem in russischem Besitz befindlichen MGRES stellt ein erhebliches Risiko für die Energiesicherheit dar. Der Ausbau der grenzüberschreitenden Übertragungskapazitäten, die Erweiterung der inländischen Erzeugungskapazitäten und mehr Wettbewerb auf dem Stromgroßhandelsmarkt durch die Marktkopplung mit den Nachbarländern sind entscheidende Mittel, um die Abhängigkeit von MGRES zu verringern. Kurz- und mittelfristig könnten solche Maßnahmen zwar zu Preiserhöhungen für die Verbraucher führen, langfristig werden sie jedoch nicht nur zu einer höheren Energiesicherheit beitragen, sondern auch der Republik Moldau helfen, ihre Klimaziele zu erreichen und ein langfristig tragfähiges Energiesystem zu schaffen.

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Dieser Newsletter basiert auf der Policy Study:

Electricity Monitor Moldova