Grüne Jobs für den nachhaltigen Wiederaufbau der Ukraine
Der Weg der ukrainischen Wirtschaft zur Klimaneutralität bis 2060 hängt von einer tiefgreifenden Transformation ab, die einen Anstieg an grüner Beschäftigung erfordert. Der Krieg führt jedoch zu einem Arbeitskräftemangel, da ein erheblicher Teil der Erwerbsbevölkerung im Ausland ist oder im Militär dient. In einem grünen Wiederaufbaupfad schätzen wir einen Bedarf von 1,5 Mio. zusätzlichen grünen Arbeitsplätzen zwischen 2025 und 2035, insbesondere in den Bereichen Energie, Verkehr, Wasser, Bildung und Gesundheit. Arbeitskräftemangel und Qualifikationslücken drohen jedoch diese Entwicklung zu bremsen. Daher sind strategische Maßnahmen dringend notwendig. Die Schließung dieser Lücken fördert nicht nur die wirtschaftliche Erholung, sondern auch die Widerstandsfähigkeit und Zukunftsorientierung der ukrainischen Wirtschaft.
Hintergrund
Bereits vor Russlands großangelegter Invasion hatte sich die Ukraine zur Dekarbonisierung ihrer Wirtschaft verpflichtet und im Juli 2021 ihren „Intended Nationally Determined Contribution“ (INDC) veröffentlicht. Ein zentrales Ziel ist die Erreichung der Klimaneutralität bis 2060. Dieses Vorhaben erfordert einen umfassenden Umbau der Wirtschaft, bei dem neue Berufsqualifikationen und die Anpassung bestehender notwendig sind. Obwohl diese Herausforderung global ist, stellt sie sich in der Ukraine seit Kriegsbeginn besonders dringend. Große Teile der Erwerbsbevölkerung sind infolge des Krieges derzeit nicht am Arbeitsmarkt beteiligt. Daher sind gezielte Anstrengungen zur Umstellung auf grüne Beschäftigung entscheidend, um sowohl den grünen Wiederaufbau als auch die Klimaziele zu erreichen.
Was sind grüne Jobs?
Nach Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sind es Tätigkeiten, die zum Schutz der Umwelt beitragen und zugleich Standards menschenwürdiger Arbeit erfüllen. Sie umfassen sowohl traditionelle Branchen wie Industrie und Bauwesen als auch neuere Felder wie erneuerbare Energien und Energieeffizienz. Grüne Jobs lassen sich auf zwei Arten identifizieren: anhand der Produktion von Umweltgütern und -dienstleistungen oder anhand der Umweltverträglichkeit der Prozesse innerhalb eines Sektors (ILO, 2023). In einer aktuellen Studie wenden wir den Prozessansatz an, um die Anzahl potenziell neu entstehender grüner Jobs für den Zeitraum 2025 bis 2035 in der Ukraine zu schätzen.
Die Arbeitsmarktsituation in der Ukraine
Der Arbeitsmarkt steht insgesamt vor großen Herausforderungen infolge des russischen Angriffskrieges. Nach Angaben des UNHCR leben derzeit rund 6 Mio. Ukrainer im Ausland, die Mehrheit davon Frauen und Kinder (UNHCR, 2025). Umfragen zufolge äußert nur etwa die Hälfte eine vorläufige Rückkehrbereitschaft (CES, 2025). Und so nennt die Hälfte von Unternehmen Fachkräftemangel als Haupthindernis für eine Ausweitung der Produktion (NBU, Unternehmensbefragung 2Q2025). Zudem zeigt sich ein drastischer Rückgang der Bewerberzahlen pro Stelle: Während 2021 noch etwa sechs Personen auf eine freie Stelle kamen, war es im Januar 2025 nur noch eine. Damit bleibt den Arbeitgebern praktisch kein Spielraum bei der Auswahl.
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Auf der Nachfrageseite erwarten ein Drittel der Unternehmen im Q1-2025 Produktionswachstum und damit steigenden Personalbedarf (NBU, 2025). Dabei bleibt der Arbeitsmarkt insgesamt stark unter Druck.
Grüne Jobs in der Ukraine 2019 und 2023
Anders als in EU- oder OECD-Ländern, wo Daten zu grüner Beschäftigung verfügbar sind (z. B. Eurostat, OECD, Causa et al. 2024), fehlen diese in der Ukraine. Um eine grobe Schätzung für die Ukraine zu liefern, nutzen wir den Anteil der Investitionen in Umweltschutzmaßnahmen an den gesamten Investitionen nach Sektoren.
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So ergab die Schätzung, dass in der Ukraine 2019 lediglich 2,8% der Erwerbstätigen in grünen Jobs beschäftigt waren, verglichen mit 7,3% in Deutschland. Mit Beginn des Krieges sank der Anteil 2023 auf 2,1%, was etwa 277 000 Personen entspricht.
Prognose grüner Jobs in der Ukraine bis 2035
Für den Wiederaufbaupfad haben wir das Potenzial grüner Jobs bis 2035 geschätzt. Der Ansatz verknüpft den gesamten Wiederaufbaubedarf auf Basis der Schätzung der Weltbank et al. (2025). Grüne Jobs sind definiert als zusätzliche Arbeitsplätze, die im Rahmen eines grünen Wiederaufbaus entstehen. Insgesamt zeigt der Ansatz, dass eine substanzielle Anzahl an neuen Arbeitsplätzen in zentralen Sektoren entstehen kann.
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Die meisten grünen Arbeitsplätze dürften im Bereich Verkehr entstehen. Als Beispiele zu nennen sind E-Mobilitäts-Techniker und Elektrobusfahrer. Es folgt der Energiesektor, einschließlich Installateuren von Solaranlagen und Windturbinentechnikern. Wasserwirtschaft, Bildung und Gesundheitswesen kommen danach. Insgesamt kann der grüne Wiederaufbau bis 2035 rund 1,5 Mio. zusätzliche grüne Jobs schaffen, womit sich die Gesamtzahl auf etwa 1,8 Mio. erhöht.
Politische Implikationen und Ausblick
Während bereits mehrere Pilotprojekte die Entwicklung grüner Kompetenzen unterstützen, müssen diese Initiativen erheblich ausgeweitet werden, um den Arbeitsmarktbedarf zu decken und die prognostizierte Qualifikationslücke zu schließen. Da die Entwicklung grüner Jobs auch in vielen Partnerländern der Ukraine eine große Herausforderung darstellt, greifen wir in unserer Analyse auf deren Erfahrungen zurück.
Zwei Dimensionen stehen dabei im Vordergrund: die Erweiterung der Qualifikationen, die für grüne Jobs erforderlich sind, und die Vergrößerung des Arbeitskräfteangebots insgesamt. Der Ausbau von Qualifikationen kann durch eine Anpassung des Bildungssystems erreicht werden, etwa durch die Einführung dualer Studienprogramme mit Fokus auf grüne Kompetenzen. Diese könnten sich am deutschen System dualer Studiengänge orientieren, das wesentlich zur Beschleunigung der Energiewende beiträgt. Ebenso können umfassende Weiterbildungsinitiativen am Arbeitsplatz eingeführt werden, um eine sozialverträgliche Transformation von zurückgehenden Berufsqualifikationen in aufkommende grüne Sektoren zu ermöglichen. Diese Ansätze können durch gezielte Instrumente ergänzt werden, wie internationale Expertenaustauschprogramme, bei denen Fachkräfte zeitweise in ukrainischen Unternehmen tätig sind, um ihr Wissen zu vermitteln. Einen weiteren Ansatz stellen Trainingsmöglichkeiten für Ukrainer im Ausland dar, die mit grünen Kompetenzen zurückkehren können. Um das Arbeitskräfteangebot zu vergrößern, ist es entscheidend, Menschen, die derzeit nicht erwerbstätig sind, für grüne Jobs zu aktivieren. Politische Maßnahmen sollten sich dabei insbesondere an Frauen und Veteranen richten. Schulungen für grüne Kompetenzen, unterstützende soziale Infrastrukturbereiche wie Kinderbetreuung und eine umfassende Veteranenstrategie zur sozialen Unterstützung und Reintegration sollten dabei im Vordergrund stehen. Diese Anstrengungen sollten durch umfassendere Reformen des Arbeitsmarkts ergänzt werden, darunter größere Flexibilität, verbesserte Prognosen, gezieltere Unterstützungsmaßnahmen für Arbeitslose und Strategien zur Anwerbung qualifizierter Migranten. Auch sind Maßnahmen für einen gerechte Transformation unerlässlich, um einen fairen und lokal angepassten grünen Wiederaufbau sicherzustellen.
Schlussfolgerung
Der grüne Wiederaufbau stellt große Herausforderungen dar, insbesondere bei der Attrahierung umfangreicher Investitionen, eröffnet jedoch zugleich Chancen für Beschäftigung und wirtschaftliche Transformation. Der Arbeitskräftemangel führt zu einer Diskrepanz zwischen der aktuellen und der künftigen Nachfrage nach grünen Jobs. Diese Lücke kann nur durch gezielte politische Maßnahmen geschlossen werden. Die Überwindung der Qualifikationslücke ist entscheidend, um die Ukraine als C02-arme, zukunftsorientierte Wirtschaft und als Zentrum für grüne Technologien zu positionieren.
Dieser Newsletter basiert auf dem Policy Paper “Bridging the green job gap for Ukraine’s sustainable reconstruction”.