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Dr. Justina Budginaite-Froehly, Robert Kirchner

Fragile Erholung der belarussischen Wirtschaft

Mit einer Wachstumsrate von 3,5% z. Vj. in 9M2023 zeigt die belarussische Wirtschaft starke Anzeichen einer Erholung. Die niedrige Vergleichsbasis vom Vorjahr und Wachstum in den traditionellen Sektoren – im verarbeitenden Gewerbe, Bau und Handel – tragen zu dem positiven Bild bei. Aufgrund der Preiskontrollen ist die Inflation derzeit sehr niedrig (3,7% in Okt-23, nach einem Tief von 2,0% z. Vj. im Sep-23), was zum Reallohnwachstum in allen Sektoren außer im IKT-Sektor beiträgt und somit zu einer Erholung des Binnenkonsums führt. Da sich der Außenhandel nun stark auf den GUS-Markt (hauptsächlich Russland) konzentriert, konnte Belarus die Verluste bei Exporten in westliche Märkte ausgleichen.Da jedoch die Basiseffekte nachlassen und das Wachstumspotenzial durch die schwindenden Aussichten auf eine Wiederbelebung des IKT-Sektors begrenzt wird, bleiben mittel- und langfristig zahlreiche Risiken für die belarussische Wirtschaft bestehen.

  • Belarus
NL 85 | November - Dezember 2023
Makroökonomische Analysen und Prognosen

Angesichts dieser Entwicklungen ist die derzeitige wirtschaftliche Erholung in Belarus als äußerst fragil einzuschätzen und verliert bereits an Schwung. Infolgedessen schätzt das German Economic Team (GET), dass das Land mit einem Wachstum des realen BIP von 2,0% im Jahr 2023 mit einer moderaten Erholung rechnen kann. Für 2024 prognostizieren wir eine Stagnation (0,1% z. Vj.).

Wirtschaftswachstum

Nach einer tiefen Rezession im Jahr 2022 wuchs die belarussische Wirtschaft in 9M2023 um 3,5% gegenüber dem Vorjahr. Das Wachstum wurde durch stärkere Investitionen und Aufschwung im verarbeitenden Gewerbe angetrieben. Die niedrige Vergleichsbasis des Vorjahres, als die belarussische Wirtschaft um -4,7% schrumpfte, trug zu der aktuellen starken Wirtschaftsleistung bei.

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GET geht davon aus, dass sich das derzeitige Wachstumstempo gegenüber dem aktuellen Höchststand verlangsamen wird und erwartet daher eine moderate Erholung mit Wachstum des realen BIP von 2,0% im Jahr 2023. Aufgrund des schwindenden Basiseffekts und des geringen langfristigen Wachstumspotenzials erwarten wir, dass die belarussische Wirtschaft im Jahr 2024 stagnieren wird (0,1% z. Vj.).

Sektorale Dynamik

Die starke Wachstumsdynamik im verarbeitenden Gewerbe (9,6% z. Vj.) wurde durch den Aufschwung der Ölförderung und die allgemeine Neuausrichtung der industriellen Zulieferungen hin zum russischen und anderen nicht-sanktionierten Märkten positiv beeinflusst. Das Baugewerbe (8,7% z. Vj.) und der Handel (8,6% z. Vj.) waren weitere Sektoren, die sich in 9M2023 positiv entwickelten.

Transport und Logistik, Landwirtschaft und der IKT-Sektor blieben dagegen in der Rezession. Im Zuge der Verlagerung von IT-Firmen und Arbeitskräften, vor allem nach Polen und Litauen, schrumpfte der IKT-Sektor am stärksten (-15,8% z. Vj. in 9M2023) und blieb damit die Hauptbremse für die belarussische BIP-Dynamik.

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Da der ehemalige Wachstumsmotor, der IKT-Sektor, ins Stottern gerät, zeichnet sich eine strukturelle Neuausrichtung der belarussischen Wirtschaft hin zu traditionellen Sektoren ab. Obwohl diese Entwicklung das BIP kurzfristig stützt, trägt sie zum allgemeinen Rückgang der innovativen und zukunftsorientierten Komponenten der belarussischen Wirtschaft bei und wird daher mittel- und langfristig negative wirtschaftliche Folgen haben.

Inflation und Löhne

Die seit Okt-22 eingeführten drastischen Preiskontrollen und die Stabilisierung des Wechselkurses trugen zur Eindämmung der Inflation bei. Im Sep-23 fiel die Inflation auf ein Rekordtief von 2,0% z. Vj., bevor sie im Okt-23 wieder auf 3,7% anstieg, da Basiseffekte zum Tragen kamen. Diese Entwicklung ist vor allem auf den Rückgang der Lebensmittelpreise zurückzuführen, da diese der Hauptgegenstand der derzeitigen Preiskontrollmaßnahmen sind. Der IWF geht davon aus, dass die Inflation aufgrund nachlassender Basiseffekte im 4Q2023 weiter anziehen und Ende 2023 bei 7,5% z. Vj. liegen wird. Mittelfristig verbleiben erhebliche Risiken für den Fall einer möglichen Lockerung der Preiskontrollmechanismen.

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Die sinkende Inflation in Kombination mit Nominallohnerhöhungen bei zunehmendem Arbeitskräftemangel wirkte sich positiv auf die Reallohndynamik aus (+9,3% z. Vj. in 8M2023). Die Reallöhne stiegen in allen Sektoren mit Ausnahme der IKT und trugen somit erheblich zur Erholung des Binnenkonsums bei.

Entwicklung des Außenhandels

Aufgrund von Sanktionen, komplizierter Zahlungsabwicklung und Logistik verzeichneten die belarussischen Exporte in westliche Märkte einen starken Rückgang, und lagen im Jahr 2022 bei -8,1% z. Vj. Trotz der anhaltenden negativen Exportdynamik in diese Märkte auch in diesem Jahr (-6,7% z. Vj. in 9M2023), gelang es Belarus, seine Exporte in die GUS (hauptsächlich Russland) umzuleiten und somit ein zweistelliges Exportwachstum in diesem Markt zu erzielen (18,9% z. Vj. in 9M2023). Letzteres glich die Verluste auf den westlichen Märkten aus und führte zu einem Gesamtexportwachstum von 7,8% z. Vj. in 9M2023.

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Auch die Importe brachen im Jahr 2022 aufgrund der Sanktionen, sinkender Inlandsnachfrage, rückläufiger Rohölimporte aus Russland und Importsubstitutionsmaßnahmen ein. Dieses Jahr ändert sich das Bild jedoch dramatisch mit einem starken Importwachstum von 18,6% z. Vj. in 9M2023 aufgrund der Kombination von wiederauflebenden Importen aus Nicht-GUS-Ländern (fast die Hälfte davon aus der EU) und anhaltend stabilen Importen aus GUS-Ländern.

Mit einem steilen Anstieg der Importe gerät der belarussische Außenhandel in diesem Jahr zunehmend aus dem Gleichgewicht. Darüber hinaus nimmt die Abhängigkeit des Landes vom russischen Markt – direkt und über den Transit – zu. Obwohl diese Entwicklung dazu beiträgt, die negativen Auswirkungen der westlichen Sanktionen auf Belarus kurzfristig abzumildern, erhöht die fehlende Diversifizierung der Exportmärkte die belarussische Abhängigkeit von den inländischen Entwicklungen in Russland.

Ausblick

Nach einem starken Rückgang der Wirtschaftsleistung im Jahr 2022 aufgrund des Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine und der Einführung westlicher Sanktionen, zeigt die belarussische Wirtschaft deutliche Anzeichen einer Erholung. Die derzeitigen positiven Entwicklungen sollten jedoch nicht überbewertet werden, da sie hauptsächlich auf kurzfristigen Maßnahmen wie Preiskontrollen, Nominallohnerhöhungen und Sonderregelungen bei der Ölverarbeitung beruhen. Da die Basiseffekte schwinden, das Innovationspotenzial der Wirtschaft nachlässt und die Konzentration auf einen einzigen – russischen – Exportmarkt zunimmt, bleibt die wirtschaftliche Erholung in Belarus äußerst fragil und wird im nächsten Jahr in eine Stagnation übergehen.

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Dieser Newsletter basiert auf der 18. Ausgabe des Wirtschaftsausblicks Belarus.