Zum Hauptinhalt
Per Fischer

Bankensektor unter Druck von Sanktionen und Rezession

Auch für den belarussischen Bankensektor hat der Krieg in der Ukraine zu signifikanten Veränderungen geführt: Konnte der Bankensektor die Corona-Krise noch verhältnismäßig gut meistern, befindet sich dieser seit Beginn des Ukraine-Krieges in einer Negativ-Spirale aufgrund von Sanktionen und der damit einhergehenden Rezession.

  • Belarus
NL 78 | September-Oktober 2022
Finanzmärkte

Die 2022 erlassenen Sanktionen, wozu unter anderem der Ausschluss einiger Banken aus dem SWIFT-System gehört, haben den Spielraum für belarussische Banken im internationalen Geschäft erheblich beeinträchtigt. Auch die auf Zahlungsausfall stehenden Ratings der Banken und des Staates haben negative Auswirkungen auf die finanzielle Lage im Bankensektor – insbesondere im Hinblick auf große staatliche Banken. Der belarussische Staat und die Nationalbank haben allerdings erhebliche Mittel eingesetzt, um die Kapitalausstattung der großen Staatsbanken bisher stabil zu halten.

Struktur bleibt weitestgehend unverändert

Der Anteil, der im belarussischen Bankensektor aktiven Banken, ist leicht auf 22 Banken gesunken (2020: 24); zwei Banken, die sich in ausländischem Besitz befanden, sind von belarussischen Banken übernommen worden. Die Größe des Sektors (gemessen an den Aktiva) wuchs dabei im ersten Halbjahr 2022 auf 66% des BIP (2021: 56,8%) aufgrund einer Schrumpfung des BIP in Folge der Sanktionen, der Ausweitung der Kreditvergabe an Firmen und Nachholeffekten nach der Pandemie.

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Datawrapper zu laden.

Inhalt laden

Der belarussische Bankensektor bleibt damit kleiner als der russische und der polnische (2021: jeweils 98% des BIP), jedoch größer als der ukrainische (43%); 2022 dürften jedoch die Bankensektoren aller vier Länder aufgrund von Sanktionen und Krieg sehr wahrscheinlich weiter schrumpfen.

Der Anteil der staatlichen Banken ist auf 68% der Aktiva gestiegen (2020: 65%) und ist damit systembildend. Die staatliche Belarusbank bleibt mit ansehnlichen 46% Marktanteil die mit Abstand größte Bank des Landes. Banken mit russischem Kapitalanteil spielen mit 20% der Aktiva eine nach wie vor wichtige Rolle, verlieren jedoch leicht an Markanteil (2020: 22%). Sämtliche Banken mit russischem Kapitalanteil sind jedoch seit 2022 sanktioniert sowie große staatliche belarussische Banken. Lediglich die im Besitz der österreichischen Raiffeisengruppe befindliche Priorbank (6% Marktanteil) ist nicht sanktioniert; auch die Belarusbank ist bisher nicht vom SWIFT-System ausgeschlossen, jedoch bei der internationalen Kreditaufnahme Sanktionen unterworfen.

Es gibt 11 Banken, die einen Marktanteil von jeweils weniger als 1% haben (2020: 13). Angesichts der Sanktionen und der sich verschlechternden Wirtschaftslage stellt sich die Frage nach den Überlebenschancen dieser kleinen Banken, die oft ein Nischen-Geschäftsmodell haben.

Anzeichen für krisenhafte Entwicklungen mehren sich

Nach Beginn des Krieges in der Ukraine sind die Zins-sätze für Kredite und Einlagen nach einer davor eher abwärts weisenden Entwicklung scharf angestiegen. Auslöser hierfür war die deutliche Erhöhung des Leitzinses auf 12% (von davor 9,25%) seitens der Zentralbank, um damit die gestiegene Inflation und den Wechselkurs zu stabilisieren. Die hohen Kreditzinsen beinträchtigen ihrerseits unternehmerische Aktivitäten, da Banken weniger Kredite vergeben; dies trifft in erster Linie den ohnehin unterdurchschnittlich entwickelten privaten Unternehmenssektor. Allerdings hat sich die Lage am aktuellen Rand (Aug-22) etwas entspannt: Zinsen für neue BYN-Termineinlagen sind bereits auf ihrem Vorkrisenniveau, während Kreditzinsen allerdings weiterhin auf einem höheren Level verweilen.

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Datawrapper zu laden.

Inhalt laden

Ein ähnlich volatiles Bild ergibt sich bei der Entwicklung der Bankeinlagen: Einem Rückgang von Einlagen in Fremdwährung steht ein Anstieg von Einlagen in belarussischen Rubeln, begünstigt durch die hohen Zinsen, gegenüber. Beim Abschmelzen der Einlagen in Fremdwährung zeigt sich ein Trend im Verhalten der Bevölkerung, angesichts der hohen Inflation (Aug-22: 17,9%) in dauerhafte Konsumgüter zu Lasten der Ersparnisse in Fremdwährung zu investieren. Bei den Einlagen in belarussischen Rubeln werden seitens der Haushalte und der Unternehmen kurze Fristen bevorzugt, was die Möglichkeiten für die Finanzierung von langfristigen Investitionsgütern vermindert; auch dies ist kein positiver Befund für die Entwicklung der Volkswirtschaft.

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Datawrapper zu laden.

Inhalt laden

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Datawrapper zu laden.

Inhalt laden

Auslandsverschuldung steigt wieder an

In einem von hohen Zinsen, Sanktionen und Ratingherabstufungen geprägten Umfeld kommt der traditionell hohen Auslandsverschuldung belarussischer Banken zusätzliche kritische Bedeutung zu. Bereits zum Ende 2021 ist die Auslandsverschuldung sowohl im kurzfristigen als auch langfristigen Bereich in absoluten Zahlen gestiegen. Am aktuelle Rand (Q2 2022) verstärkt sich die Dynamik: Seit Beginn des Jahres stieg vor allem die kurzfristige Verschuldung sprunghaft an und ließ damit die gesamte Außenverschuldung des Bankensektors (inkl. Zentralbank) auf 8,4 Mrd. USD bzw. 14,3% des BIP ansteigen; Gläubiger waren vor allem russische Banken.

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Datawrapper zu laden.

Inhalt laden

Die für belarussische Banken fast vollständig verschlossenen Refinanzierungsoptionen aus dem Ausland – mit Ausnahme Russlands – sowie die verschlechterten Ratings der Banken machen die Auslandsverschuldung der Banken zu einem großen Risiko für den Staat und seine Banken.

Kapitalisierung und Profitabilität noch nicht betroffen

Trotz der beschriebenen Risiken bleibt festzuhalten, dass der belarussische Bankensektor nach wie vor gut kapitalisiert und immer noch profitabel ist. Nach Kapitalerhöhungen bei den staatlichen Banken und der Lockerung von Wertberichtigungsauflagen bei Operationen mit russischen Banken und Krediten an belarussische Unternehmen, stieg die Eigenkapitalquote des belarussischen Bankensektors im Apr-/Mai-22 auf hohe 21%. Mit 9,7% Eigenkapitalrendite (ROE) ist die Profitabilität des Bankensektors aktuell durchaus befriedigend.

Das volle Ausmaß der Sanktionswirkungen auf das Eigenkapital und die Profitabilität des Bankensektors wird allerdings erst zu Jahresende sichtbar werden.

Ausblick

Der Krieg in der Ukraine, die Sanktionen gegen wesentliche Unternehmen und Banken des Landes und die sich daraufhin weiter verschlechternde wirtschaftliche Situation in Belarus haben spürbare negative Auswirkungen auf den belarussischen Bankensektor. Noch kann der Bankensektor von einer auskömmlichen Kapitalisierung und einer guten Profitabilität zehren, doch zeigen sich schon zur Jahresmitte 2022, wie tief die Krise die Banken erfasst hat. So haben Sanktionen, hohe Zinsen in einem hoch-inflationären Umfeld, die hohe Auslandsverschuldung des Bankensektors und die deutlichen Rating-Verschlechterungen der Banken den Handlungsspielraum der Banken insbesondere im Auslandsgeschäft deutlich eingeengt.

Unverkennbar steigen in kurz-, sowie mittelfristiger Sicht die Risiken für die Banken. Bei einem steigenden staatlichen Anteil am Bankensektor und einer nach wie vor großen Bedeutung russischer Banken für den belarussischen Bankensektor wird es vornehmlich Aufgabe des belarussischen, aber auch des russischen Staats sein, die Risiken im belarussischen Bankensektor aufzufangen und seine Banken zu stützen, was vor dem Hintergrund des Krieges und seiner negativen Entwicklungen auf die Wirtschaften beider Länder eine sehr große Herausforderung sein wird.

Download als PDF

Dieser Newsletter basiert auf dem Policy Briefing Banking Sector Monitoring Belarus.