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Emily Häntschel

Auswirkungen des Krieges in der Ukraine auf Armenien

Die armenische und die russische Volkswirtschaft sind eng verflochten. Die wirtschaftliche Schwäche Russlands wird sich daher auch auf Armenien auswirken. Profitieren kann das Land hingegen vom Zuzug qualifizierter russischer Auswanderer sowie russischen Touristen.

  • Armenien
NL 4 | März-April 2022
Makroökonomische Analysen und Prognosen
Zusammenfassung

Die russische Invasion der Ukraine veranlasste westliche Länder dazu, weitreichende Sanktionen gegen Russland zu erlassen. Diese wirken sich nicht nur negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung Russlands aus, sondern auch auf die armenische Wirtschaft. Vor allem Exporte nach Russland und Rücküberweisungen aus Russland werden sinken. Exporte von Agrar- und Lebensmittelprodukten sind dabei besonders betroffen. Wir prognostizieren einen Rückgang der Rücküberweisungen aus Russland um 50%.

Dahingegen wird ein positiver Effekt auf die Tourismuseinnahmen erwartet. Seit Beginn der Invasion verzeichnet Armenien einen vermehrten Zuzug an gut qualifizierten Russen, welche vorerst in Armenien bleiben werden. Die Gesamtsteuereinnahmen werden sich jedoch aufgrund der schwächeren Konjunktur voraussichtlich trotzdem verringern. Folglich wird sich auch das Haushaltsdefizit wahrscheinlich weiter vergrößern.

Zuletzt zeigt unsere Analyse, dass dieses Jahr keine Erhöhung der Energiepreise für Armenien zu erwarten ist. Armenien importiert russisches Gas zu einem Fixpreis und russisches Öl wird gegenwärtig mit einem deutlichen Preisabschlag gehandelt. Jedoch wird sich Armenien mit den weltweit gestiegenen Getreidepreisen konfrontiert sehen.

Hintergrund

Als Reaktion auf die russische Invasion der Ukraine erließen westliche Länder eine Anzahl an Sanktionen gegen Russland. Diese werden nicht nur die russische Wirtschaft schwächen, sondern auch andere Länder in der Region treffen. Für Russland wird ein Rückgang des realen BIP um 10% und eine Inflation von 20% für 2022 prognostiziert. Dieser Newsletter beleuchtet die verschiedenen Wirkungskanäle, über welche Russlands wirtschaftliche Schwäche die armenische Wirtschaft beeinflussen wird.

Rückgang der Exporte

Eine der wichtigsten Auswirkungen auf Armenien ist die verringerte russische Nachfrage nach armenischen Exportprodukten. Insgesamt gehen 29% (800 Mio. USD) der armenischen Warenexporte nach Russland. Auch wenn es keine signifikanten Unterbrechungen der Transportrouten zwischen Russland und Armenien – wie z.B. für Moldau der Fall – gibt, so ist die Kaufkraft der russischen Wirtschaft stark geschwächt. Dieser negative Einkommensschock wird die russische Nachfrage nach armenischen Exportgütern verringern.

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Agrar- und Lebensmittelprodukte sind am stärksten betroffen, da sie 61% der Warenexporte nach Russland ausmachen. Insbesondere bei Brandy-Exporten ist mit einem Rückgang von circa 47 Mio. USD zu rechnen. Exporte von Forellen, Tomaten und Kleidung werden sich voraussichtlich um 16 Mio. USD pro Produktkategorie verringern. Insgesamt schätzen wir einen Rückgang der Exporte um 279 Mio. USD (2% des BIP).

Für armenische Diamanten oder Edelsteine könnte es sinnvoll sein, die Exporte auf anderen Märkten umzuorientieren, um so Verluste zu minimieren. Außerdem haben EU-Firmen, die Cognac, Brandy oder nicht gestrickte Kleidung verkaufen, den russischen Markt verlassen. Daher werden armenische Exporteure dieser Produkte versuchen, die entstandene Marktlücke zu füllen. Unter Berücksichtigung dieser möglichen Umorientierung und Substitution, werden die Exportverluste 244 Mio. USD (1,8% des BIP) betragen.

Verringerung der Rücküberweisungen

Ein weiterer wichtiger Effekt auf Armenien ist die Verringerung der Rücküberweisungen aus Russland. Rücküberweisungen spielen eine Schlüsselrolle für die armenische Wirtschaft. Im Jahr 2021 lagen sie bei 11,6% des BIP bzw. 1,6 Mrd. USD. Mit einem Anteil von 41% an den gesamten Rücküberweisungen bleibt Russland die wichtigste Quelle. Im Jahr 2021 machten die russischen Rücküberweisungen 6,2% des BIP aus.  

Für das Jahr 2022, prognostizieren wir einen Rückgang der Rücküberweisungen aus Russland um 50%. Auch wenn der Effekt aufs BIP aufgrund des hohen Importanteils der armenischen Wirtschaft abgefedert wird, so werden individuelle Haushalte schwer getroffen sein. Insgesamt schätzen wir, dass die Verringerung der Rücküberweisungen das BIP um 1,3% reduzieren wird.

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Mehr Tourismus nach Armenien

Positiv zu vermerken ist, dass der Gesamtzustrom von Touristen aus Russland nach Armenien wahrscheinlich zunehmen wird. Während der bereits erwähnte Einkommensschock die russische Bereitschaft, Geld für Tourismus auszugeben, senken wird, wird es wahrscheinlich auch einen Substitutionseffekt geben. Einige Russen, die ihren Urlaub in beliebten Reisezielen (z.B. in Westeuropa) verbracht hätten, werden aufgrund der Sanktionen (z.B. Zahlungssysteme, Flugverbindungen) nach anderen Reisezielen suchen. Außerdem verzeichnet Armenien derzeit einen vermehrten Zustrom von vor allem gut qualifizierten Russen aufgrund der derzeit angespannten wirtschaftlichen und politischen Lage in Russland.

Wir erwarten, dass die positiven Effekte die negativen Auswirkungen des Einkommensschocks überwiegen werden und somit der Gesamteffekt auf die armenischen Tourismuseinnahmen positiv sein wird.

Getreidepreise steigen, Energiepreise unverändert

Der Krieg in der Ukraine wird eine signifikante Verringerung ukrainischer Getreideexporte zur Folge haben. Auch Armenien wird sich daher mit den weltweit gestiegenen Getreidepreisen konfrontiert sehen. Dies könnte bis zu 25 Mio. EUR zusätzliche Ausgaben und ein Zahlungsbilanzschock von 0,2% des BIP bedeuten.

Armenien ist bei der Energieversorgung stark von Russland abhängig. Das Land bezieht 85% der Gasimporte und 73% der Ölimporte aus Russland. Die Gaspreise werden dabei in einem Langzeitvertrag mit Gazprom und einer Swapvereinbarung mit dem Iran geregelt. Außerdem wird das russische Öl zurzeit mit einem erheblichen Preisabschlag gehandelt. Armenische Energiepreise bleiben somit vorerst stabil.

Höheres Haushaltsdefizit

Das vor der Invasion geplante Haushaltdefizit von 3,1% des BIP erscheint nicht länger realistisch. Die geschwächte Wirtschaft wird geringere Steuereinnahmen zur Folge haben. Außerdem, könnte ein Zustrom von bedürftigen (ethnischen) Armeniern aus Russland das Sozialsystem schwer belasten. Zusammen mit den verringerten Steuereinnahmen könnte dies eine signifikante Vergrößerung des Haushaltsdefizits bedeuten.

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Schlussfolgerung

Russlands wirtschaftliche Schwäche wirkt sich insbesondere über eine verringerte Nachfrage nach armenischen Produkten und eine Reduktion der Rücküberweisungen auf die armenische Wirtschaft aus. Internationale Unterstützung für die Finanzierung zusätzlicher Ausgaben, z.B. erhöhte Sozialausgaben könnte notwendig werden. Lediglich für die Tourismuseinnahmen wird ein positiver Effekt erwartet.

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