Armenien-Aserbaidschan: Platz für Strom im Friedensprozess?
Während Armenien und Aserbaidschan ihre Friedensgespräche vorantreiben, entwickelt sich der Energiesektor zu einem zentralen Ansatzpunkt für eine erste Zusammenarbeit. Innerhalb dieses Sektors bietet sich der Stromsektor als naheliegender Ausgangspunkt an. Er ist politisch weniger brisant als der Gassektor, und beide Länder haben klare gemeinsame Interessen, deren Umsetzung greifbare Vorteile mit sich bringen könnte. Dazu gehört eine stärkere Interkonnektivität, Verbesserung des Marktzugangs, eine tragfähigere wirtschaftliche Grundlage für den Ausbau erneuerbarer Energien sowie die Chance, die gesamte Region als aufstrebenden Energieknotenpunkt zu positionieren. Fortschritte in diesen Bereichen würden die Abhängigkeit beider Länder von einer begrenzten Anzahl von Handelspartnern verringern, neue langfristige Einnahmequellen erschließen und die Energiesicherheit durch eine geringere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verbessern. Um dieses Potenzial auszuschöpfen, müssen jedoch die richtigen Projekte sorgfältig ausgewählt und in der richtigen Reihenfolge umgesetzt werden.
Hintergrund: Erste Schritte aus der Fragmentierung
Zu Sowjetzeiten bildeten die Stromnetze von Armenien, Aserbaidschan und Georgien ein einziges regionales System, wobei sich die Erzeugungsprofile der einzelnen Länder gegenseitig ergänzten. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Bergkarabach-Krieg zerfiel dieses System. Armenien und Aserbaidschan bauten ihre Stromsektoren unabhängig voneinander aus und verloren dabei die Effizienzgewinne, die durch die regionale Koordination erzielt worden waren. Eine vollständige Wiedervereinigung der beiden Netze würde viele dieser Synergien wiederherstellen, setzt jedoch eine tiefgreifende technische und politische Angleichung voraus und bleibt daher eher eine längerfristige Perspektive. Vorerst sollte der Fokus auf konkreten ersten Schritten liegen: Gezielte Kooperationsprojekte, die sich auf gemeinsame Interessen konzentrieren, gegenseitigen Nutzen bringen und keine größeren politischen Durchbrüche erfordern. Solche Projekte könnten dazu beitragen, Vertrauen aufzubauen, praktische Kooperationskanäle zu etablieren und die Grundlage für eine vertiefte Energiezusammenarbeit in der Zukunft zu legen.
Gemeinsame Interessen im Stromsektor
Zugang zu Exportmärkten und Bestrebungen, sich als regionaler Knotenpunkt zu etablieren. Beide Länder sind Netto-Stromexporteure, doch aufgrund ihrer begrenzten Konnektivität stark eingeschränkt. Armenien kann nur in den Iran und nach Georgien exportieren; Aserbaidschan exportiert hauptsächlich über Georgien und ist damit von der georgischen Netzkapazität abhängig. Keines der beiden Länder verfügt über eine direkte Verbindung zur Türkei, dem größten und lukrativsten Markt der Region. Der Aufbau dieser Verbindungen würde bedeutende neue Exportmöglichkeiten eröffnen, es beiden Ländern ermöglichen, ihre Stromerzeugungsüberschüsse freier zu vermarkten, und das übergeordnete Ziel vorantreiben, den Südkaukasus als Transit- und Exportknotenpunkt für grüne Energie zu positionieren.
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Ausbau erneuerbarer Energien und Netzstabilität. Armenien kann bereits einen erheblichen Anteil an Solarenergie vorweisen. Dessen rasche Ausbau hat jedoch zu Herausforderungen für die Netzstabilität geführt: Überschüssige Stromerzeugung wird gedrosselt, und der unflexible thermische Kraftwerkspark hat Mühe, die Schwankungen im Tagesverlauf auszugleichen. Der grenzüberschreitende Handel würde direkt dazu beitragen, diesen Überschuss aufzunehmen und das Netzgleichgewicht zu verbessern. Aserbaidschan befindet sich in einer früheren Phase des Ausbaus erneuerbarer Energien, doch mit zunehmender Umsetzung wird das Land vor ähnlichen Herausforderungen bei der Netzintegration stehen. Deren Bewältigung ist entscheidend, um die Wirtschaftlichkeit von Investitionen in erneuerbare Energien attraktiver zu gestalten.
Marktliberalisierung und regulatorische Konvergenz. Ein liberalisierter Strommarkt ist eine Voraussetzung dafür, die Vorteile der regionalen Integration voll auszuschöpfen. Die Marktliberalisierung und eine stärkere Angleichung der Handelsregeln erleichtern den grenzüberschreitenden Handel, ziehen Investitionen an und bilden die Grundlage für eine mögliche künftige Netzsynchronisation. Langfristig würde dies auch die Bestrebungen beider Länder unterstützen, Strom in die EU zu exportieren, wo künftige Einfuhrvorschriften möglicherweise eine stärkere Marktöffnung erfordern.
Bewertung potenzieller erster Kooperationsinitiativen
Die TRIPP-Stromübertragungsleitung. Diese geplante Hochspannungsleitung mit einer Kapazität von 1 GW würde das aserbaidschanische Festland über armenisches Gebiet mit Nachitschewan verbinden und eine Weiterleitung in die Türkei ermöglichen. Das Projekt dient eindeutig den Interessen Aserbaidschans, da Baku plant, 1 GW an neuen Kapazitäten für erneuerbare Energien für den Export über diese Route zu erschließen. Auch für Armenien könnten die Vorteile erheblich sein, jedoch nur, wenn die Leitung von Anfang an als gemeinsamer Korridor und nicht als reine Transitroute für konzipiert wird. Eine frühzeitige Einbindung Armeniens ist daher entscheidend, um künftige Übertragungskapazitäten zu sichern und möglicherweise das derzeit ungenutzte Solarpotenzial in Syunik an die Leitung anzuschließen. Langfristig könnte das Projekt auch einen breiteren Zugang Armeniens zu der Türkei als Exportmarkt unterstützen, sofern die erforderliche Konverterinfrastruktur geschaffen wird. Zu den wichtigsten Herausforderungen zählen die regulatorische und operative Koordination, geopolitische Risiken durch Dritte sowie die gespaltene innenpolitische Meinung in Armenien.
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Das Schwarzmeer-Unterseekabel. Dieses von Georgien geführte Projekt würde ein 1,3-GW-Unterseekabel in die EU legen, dessen Kosten auf 3,57 Mrd. EUR geschätzt werden; im Dezember 2025 wurde ihm der Status eines EU-Projekts von gemeinsamem Interesse verliehen. Allerdings ist es mit erheblichen Unsicherheiten behaftet: Die wirtschaftliche Tragfähigkeit setzt voraus, dass 20% der Kosten durch Zuschüsse finanziert werden. Aufgrund begrenzter Herstellungskapazitäten für Kabel werden Produktionsverzögerungen von drei bis vier Jahren erwartet, und das Projekt hängt von der Verfügbarkeit ausreichender Mengen an Ökostrom für den Export ab. Die Rolle Armeniens ist noch unklar: Sollte das Land formell in das Projekt integriert werden, müsste es zunächst seine Verbindung zu Georgien ausbauen. Zudem würden die letztendlichen Exportmengen davon abhängen, wie viel Kabelkapazität durch den Ausbau erneuerbarer Energien in Aserbaidschan und Georgien beansprucht wird. Wenn diese Länder weniger als geplant ausbauen, eröffnet sich mehr Spielraum für armenische Exporte. Doch dies ist eine Variable, die außerhalb der Kontrolle Armeniens liegt.
Erfahrungsaustausch zur Reform des Strommarktes. Beide Länder haben Schritte in Richtung Marktliberalisierung unternommen, wenn auch mit unterschiedlichem Fortschritt: Armenien ist dabei weiter vorangeschritten, während Aserbaidschan erst 2025 mit dem Prozess begonnen hat. Diese Asymmetrie stellt kein Hindernis dar, sondern schafft vielmehr eine praktische Grundlage für die Zusammenarbeit: Den Erfahrungsaustausch, die Abstimmung bei zentralen Reformkomponenten wie der vertikalen Entflechtung, der Entwicklung des Großhandelsmarktes und der grenzüberschreitenden Marktkopplung sowie den Aufbau der institutionellen Beziehungen, die eine tiefere Integration letztendlich erfordern wird. Die größte Herausforderung besteht darin, dass sich die meisten Vorteile erst mittelfristig einstellen, was ein nachhaltiges politisches Engagement zur Voraussetzung für die Umsetzung macht.
Ausblick
Die Zusammenarbeit im Stromsektor zwischen Armenien und Aserbaidschan ist ein vielversprechender, aber nicht alleinstehender Weg. Parallel sollte der Ausbau der Interkonnektivität mit Georgien und der Türkei vorangetrieben bzw. sorgfältig abgewogen werden. Im Rahmen der Kooperation mit Aserbaidschan ist die TRIPP-Leitung das wichtigste Ankerprojekt und sollte Vorrang erhalten. Eine frühzeitige Einigung über kommerziellen Grundsätzen und Netzzugang für beide Länder sollte jedoch erzielt werden. Infrastrukturentwicklung und Marktreformen sollten dann gemeinsam vorangetrieben werden: Eine schrittweise regulatorische und technische Angleichung wird im Laufe der Zeit die Hindernisse für eine tiefere Integration abbauen. Angesichts der hohen Unsicherheiten sollte das Schwarzmeerkabel eher als eine längerfristige Option betrachtet werden, die zu beobachten ist, aber nicht von den Hauptkooperationswegen ablenken sollte.
Dieser Newsletter basiert auf der Policy Study Electricity cooperation between Armenia and Azerbaijan: emerging opportunities amid peace prospects.
Quellen
- Anadolu Agency. (2026, February 3). Azerbaijan begins construction of Zangezur power transmission line to link Nakhchivan, Türkiye and Europe. Anadolu Agency. https://www.aa.com.tr/en/energy/electricity/azerbaijan-begins-construction-of-zangezur-power-transmission-line-to-link-nakhchivan-turkiye-and-europe/54360
- Georgian State Electrosystem (GSE). (2024). Electricity balance of Georgia. https://www.gse.com.ge/for-customers/data-from-the-power-system/actual-balance
- Ministry of Energy of the Republic of Azerbaijan. (n.d.). Electricity [Monthly statistics published on the website on a monthly basiscollected for the period between January 2024 and April 2026]. Abgerufen am 1. April, 2026, von https://minenergy.gov.az/en/statistika
- Public Services Regulatory Commission (PSRC) of the Republic of Armenia. (2024). Main indicators of the electric power system of the Republic of Armenia (Annual reports). https://psrc.am/contents/fields/electric_energy/el_energy_reports