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Marie-Aimée Salopiata

Anhaltendes Wachstum – Haupttreiber und Risiken

Mit einem prognostizierten realen BIP-Wachstum von 3,8% für 2023 wächst die kosovarische Wirtschaft weiterhin mit fast demselben Tempo wie 2022. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass die Wachstumsentwicklungen in den Jahren 2022 und 2023 zwar in ihrer Größenordnung vergleichbar sind, aber von zwei Gruppen sehr unterschiedlicher Faktoren getrieben werden. Im Jahr 2022 wurde das Wachstum hauptsächlich durch die positive Dynamik im Zusammenhang mit der kosovarischen Diaspora in Form von Rücküberweisungen zur Finanzierung des privaten Konsums sowie Tourismus, wovon die Dienstleistungsexporte profitierten, angetrieben.

  • Kosovo
NL 13 | September - Oktober 2023
Makroökonomische Analysen und Prognosen

Zusammen glichen diese Faktoren die geringe öffentliche Investitionstätigkeit und den negativen Terms-of-Trade-Schock, der durch einen Preisanstieg bei importierten Waren verursacht wurde, mehr als aus. Im Gegensatz dazu werden der öffentliche Konsum und Investitionen den Prognosen zufolge im Jahr 2023 die wichtigsten Wachstumsfaktoren sein.

Hintergrund

Nach einem kräftigen post-Corona Aufschwung der kosovarischen Wirtschaft im Jahr 2021 verlangsamte sich das Wachstum zwar im Jahr 2022, blieb aber mit 3,5% weiterhin hoch. Für 2023 wird ein Wachstum in ähnlicher Größenordnung (3,8%) vorhergesagt. Damit ist Kosovo das Land mit der höchsten prognostizierten realen BIP-Wachstumsrate in der Westbalkanregion.

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2023 wird das Wachstum voraussichtlich hauptsächlich durch den starken öffentlichen Konsum und die Investitionstätigkeit angetrieben werden, die nach einer Stagnation im letzten Jahr wieder Fahrt aufgenommen haben. Diese Haupttreiber für die positive Wachstumsentwicklung 2023 unterscheiden sich stark von denen, die im Jahr 2022 beobachtet wurden. Hier waren diasporabezogene Wirtschaftsaktivitäten in Form von Rücküberweisungen und tourismusgetriebenen Dienstleistungsexporten die wichtigsten Triebkräfte für die Wirtschaftsleistung des Landes. Damit konnten negative Einflüsse auf das Wirtschaftswachstum, wie etwa die geringen öffentlichen Investitionen und der negative Terms-of-Trade-Schock aufgrund der hohen Preise für Importgüter, mehr als aufgewogen werden.

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Inflation

Im Zuge des russischen Krieges in der Ukraine kam es 2022 zu massiven internationalen Preissteigerungen bei wichtigen Konsumgütern wie Lebensmitteln und Energie. Da diese etwa die Hälfte des kosovarischen VPI-Warenkorbs ausmachen, kam es zu einem Inflationsschub. Mit durchschnittlich 11,6% hatte Kosovo im Jahr 2022 eine der höchsten Inflationsraten in der gesamten Region. Dies beeinträchtigte das Wachstum durch einen Rückgang der Realeinkommen und damit des privaten Verbrauchs sowie durch einen Anstieg der Inputpreise und damit einen Rückgang der Investitionen. Darüber hinaus haben steigende Importpreise infolge des Inflationsdrucks in der gesamten Region sowie in der EU und der damit verbundene Terms-of-Trade-Schock das Wachstum im Jahr 2022 zusätzlich negativ beeinflusst (siehe unten). Damit erweist sich die Inflation als eine der wichtigsten negativen Triebkräfte für das Wachstum in Kosovo im Jahr 2022. Interessanterweise impliziert dies eine negative kurzfristige Beziehung zwischen Inflation und Wachstum, im Gegensatz zu den Vorhersagen klassischer VWL-Modelle wie der Phillips-Kurve.

Im Jahr 2023 wird die Inflation Prognosen zufolge deutlich zurückgehen und damit eine wesentlich geringere Rolle für das Wirtschaftswachstum spielen. Diese projizierte Abschwächung ist bereits zu beobachten – im August 2023 betrug die Inflation lediglich 3,2% gegenüber dem Vorjahr.

Außenhandel

Als Nettoimporteur von Lebensmitteln und Energie wirkte sich der Anstieg der internationalen Preise im Jahr 2022 auch auf die kosovarische Wirtschaft in Form eines schweren Terms-of-Trade-Schocks aus. Der Anstieg der Importpreise führte zu einem deutlichen Anstieg der Warenimporte, die sich auf 11% des BIP beliefen. Dieser Importschock verschärfte das traditionelle Defizit in der Warenhandelsbilanz weiter und wirkte sich somit negativ auf die Wirtschaftsleistung 2022 aus.

Der negative Terms-of-Trade-Schock wurde durch einen erheblichen Anstieg der Dienstleistungsexporte ausgeglichen. Dieser Anstieg ist vor allem auf steigende Tourismuseinnahmen zurückzuführen, die sich auf 20% des BIP beliefen. Vor allem der Diaspora-Tourismus spielte in dieser Hinsicht eine Schlüsselrolle.

2023 werden die Warenimporte trotz des prognostizierten Rückgangs globaler Rohstoffpreise voraussichtlich noch weiter steigen. Dies ist vor allem auf die zunehmenden Investitionen und ausländischen Direktinvestitionen zurückzuführen, die eine erhöhte Nachfrage nach Importen mit sich bringen. Gleichzeitig wird aber auch erwartet, dass sich der positive Trend bei den Dienstleistungsexporten, angetrieben durch den (Diaspora-)Tourismus, fortsetzt, wenn auch langsamer.

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Rücküberweisungen

Neben den Dienstleistungsexporten waren die Rücküberweisungen eine weitere wichtige wirtschaftliche Aktivität im Zusammenhang mit der kosovarischen Diaspora, die als Puffer gegen die ungünstigen wirtschaftlichen Entwicklungen nach den globalen Preisanstiegen im Jahr 2022 diente. Trotz der angespannten wirtschaftlichen Lage in den wichtigsten Zielländern der kosovarischen Diaspora blieben die Rücküberweisungen im Jahr 2022 stabil und beliefen sich auf 13% des BIP. Zum Beispiel durch ihre wichtige Rolle bei der Finanzierung von privatem Konsum können Rücküberweisungen so als wichtiger wirtschaftlicher Faktor identifiziert werden. Für 2023 wird erwartet, dass sich der steigende Trend bei den Rücküberweisungen fortsetzen wird, wenn auch in geringerem Tempo.

Öffentliche Finanzen

Trotz eines deutlichen Anstiegs der öffentlichen Ausgaben für Transfers und Subventionen im Jahr 2022 (31,4% zum Vj.), um die Auswirkungen des Preisanstiegs bei den wichtigsten Gütern abzumildern, gab es letztes Jahr kein neues Haushaltsdefizit. Dies ging jedoch auf Kosten einer geringen öffentlichen Investitionstätigkeit, was die wirtschaftliche Entwicklung im Jahr 2022 behinderte und mittel- bis langfristig Risiken für das Wachstum der Wirtschaft und von öffentlichen Investitionen abhängigen Unternehmen (z.B. im Baugewerbe) birgt.

2023 werden die öffentlichen Ausgaben voraussichtlich wieder anziehen und um fast 20% gegenüber dem Vorjahr steigen. Haupttreiber dieser Beschleunigung sind ein Anstieg der Investitionsausgaben (60% zum Vj.) und der Ausgaben für Waren und Dienstleistungen (35% zum Vj.). Diese folgen positiven Entwicklungen wie der Wiederaufnahme der Tätigkeiten der Prüfstelle für das öffentliche Auftragswesen.

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Ausblick

Trotz eines schwierigen globalen Umfelds wird Kosovo voraussichtlich auch 2023 ein beträchtliches Wirtschaftswachstum verzeichnen. Als Haupttreiber der wirtschaftlichen Entwicklungen in den Jahren 2022 und 2023 lassen sich jedoch unterschiedliche Faktoren identifizieren. Während sich dieser günstige wirtschaftliche Entwicklungstrend mit einem prognostizierten realen BIP-Wachstum von 4,0% im Jahr 2024 fortsetzen dürfte, bleiben Herausforderungen bestehen. Diese hängen sowohl mit aktuellen Entwicklungen als auch mit strukturellen Faktoren zusammen. Dazu gehören Einschränkungen der Handelsströme im Zusammenhang mit anhaltenden geopolitischen Spannungen und den damit verbundenen Wahrnehmungseffekten. Darüber hinaus gibt es strukturelle Herausforderungen, z.B. im Zusammenhang mit dem anhaltenden erheblichen Leistungsbilanzdefizit und der schwankenden öffentlichen Investitionstätigkeit, die in Zukunft genau beobachtet und angegangen werden müssen.

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Dieser Newsletter basiert auf der fünften Ausgabe des Wirtschaftsausblicks Kosovo.